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Die sozial-ökologische Modellsiedlung „Sieben Linden“ versteht sich als eine Art Forschungsprojekt für eine zukunftsorientierte Lebensweise.

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von Kristin Frauenhoffer

Das Gemeinschaftshaus

Es klingt wie eine Utopie, die sich da mitten im Nirgendwo zwischen Bremen und Berlin entwickelt hat: Im Ökodorf Sieben Linden leben Menschen so nachhaltig wie möglich zusammen. Sie versuchen, den eigenen ökologischen Fußabdruck gering zu halten und in jeder Hinsicht nachhaltig und verantwortungsvoll zu handeln. Nicht nur der Natur zuliebe, sondern gleichermaßen auch den anderen Bewohner*innen und vor allem sich selbst gegenüber. Denn das eigene Denken und Handeln zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen, wird in Sieben Linden groß geschrieben.

Die Idee entstand bereits Ende der Achtziger.

Die Idee zu einem Dorf, das sich selbst versorgt und in dem die Bewohner*innen nachhaltig und gemeinschaftlich zusammen leben, entstand bereits 1989. Ein paar Jahre später fand sich dann eine Gruppe junger Leute zusammen, die gemeinsam das erste Projektzentrum kauften. Unter ihnen war auch Eva Stützel, eine der Pionier*innen des Ökodorfes: „Wir hatten alle die gleiche Vision. Wir wollten unseren Traum leben und damit andere inspirieren“, erzählt die heute 56-Jährige. Es war der Traum von einem Leben im Einklang mit der Natur und der Gemeinschaft und der verantwortungsvolle Umgang mit beidem.

Die Bewohner*innen lebten zunächst im Bauwagen, später in Strohballenhäusern.

Um diesem Traum näherzukommen, kaufte die Gruppe 1997 schließlich das Gelände des heutigen Ökodorfes. Anfangs wohnten alle in Bauwägen, schnell aber machten sich die Bewohner*innen daran, Häuser zu bauen. Mit ihren eigenen Händen. Aus Strohballen und Lehm. Heute stehen 11 Öko- und Niedrigenergiehäuser im Dorf, davon sind 9 mit Stroh gedämmt. Das ist besonders nachhaltig, denn das Stroh staammt von Äckern aus der Region, das Holz aus dem eigenen Wald.

Ein Ort zum Leben und Arbeiten

Die Seminarauswahl ist groß in Sieben Linden.

Ein eigener Wald? Ja. Das Dorf umfasst mittlerweile gut 115 Hektar Land. Davon sind 70 Hektar Wald. Der Rest verteilt sich auf Ackerland, einen nachhaltig bewirtschafteten Garten sowie Bauland. Inzwischen leben hier 100 Erwachsene und 40 Kinder. Das Herzstück von Sieben Linden ist dabei der ökologisch ausgebaute ehemalige Bauernhof. In ihm befinden sich die Gemeinschaftsräume sowie Räume für den regen Seminarbetrieb. Auch ein Waldkindergarten ist inzwischen auf dem Gelände entstanden. All diese Örtlichkeiten bieten den Bewohner*innen von Sieben Linden Arbeitsplätze. Die meisten, die hier leben, arbeiten auch hier. Wer nicht direkt für das Dorf arbeitet, geht einer Selbstständigkeit nach, etwa als Übersetzer*in oder IT-Berater*in. So müssen die Sieben Lindener*innen ihr Dorf eigentlich nicht verlassen und können nahezu autark leben.

Alle sorgen füreinander: Die Gemeinschaft steht im Vordergrund.

Eva Stützel ist Psychologin und als sogenannte Gemeinschaftsberaterin tätig. Das bedeutet, sie berät und unterstützt all jene, die ein Ökodorf nach dem Modell Sieben Linden aufbauen möchten. Dabei sei nicht nur die ökologische Komponente ausschlaggebend, sondern vor allem die soziale. „Was das Leben hier auszeichnet, ist die Gemeinschaft“, erzählt sie. Statt jede*r für sich, wie es in Städten üblich ist, leben die Menschen hier eng zusammen. Sie essen gemeinsam, haben eine gemeinsame Kasse, in die jede*r einzahlt. Kinder sind davon ausgenommen. Für sie zahlen alle gleichermaßen. Zusätzlich gibt es ein gewisses Arbeitspensum, das alle erfüllen müssen: ein bis vier Stunden Dienst in der Gemeinschaftsküche.

In Sieben Linden werden auch alternative Lebensmodelle erprobt. Zum Beispiel, dass sich vier Eltern um ein Kind kümmern. Die Gemeinschaft versteht sich als eine Art Zukunftswerkstatt für das Leben von morgen. Das Ziel ist immer, so nachhaltig wie möglich zu leben – in allen Bereichen, von Ökologie über Kultur bis zum sozialen Miteinander.

„Das Wichtigste, was ich Menschen, die in Gemeinschaft leben möchten, mitgeben kann, ist, dass man sich selbst als Lernende*r betrachtet.“

Essen gibt es für die 140 Bewohner*innen drei mal am Tag.

Was nach purer Harmonie klingt, ist in der Realität harte Arbeit. Denn selbst wenn in Sieben Linden viele gleich ticken und ähnliche Weltanschauungen haben, gibt es doch immer wieder Konflikte. „Wir sind sehr vielfältig. Da ist es normal, dass man unterschiedliche Einstellungen zu bestimmten Themen hat“, sagt Eva. Doch auch das sei es, was im Ökodorf geübt und ausprobiert wird: Wie kann man mit Vielfalt leben und Unterschiede aushalten, ohne sich zu entzweien? Der Schlüssel ist, wie so oft, Kommunikation. Und der Wille, an sich selbst zu arbeiten. Es gibt in Sieben Linden deshalb regelmäßig Gesprächsrunden, in denen man sich nach den Regeln der gewaltfreien Kommunikation austauscht. Dadurch sei eine Gruppenkultur entstanden, in der jede*r sein wahres Ich mit allen schwierigen und schwachen Seiten zeigen könne.

„Das Wichtigste, was ich Menschen, die in Gemeinschaft leben möchten, mitgeben kann, ist, dass man sich selbst als Lernende betrachtet“, fasst die Psychologin zusammen. Jeder Konflikt könne als Bereicherung verstanden werden, der dich auf dem eigenen Lebensweg voranbringe. Eva Stützel hat dazu auch ein Buch verfasst, das Anfang April veröffentlicht wird: „Der Gemeinschaftskompass“. Darin hat sie ihre eigenen Erfahrungen im Ökodorf und ihr psychologisches Fachwissen zusammengetragen. Es soll für eine Lebensweise wegweisend sein, die vielleicht der Schlüssel zu einer harmonischeren, gesünderen Zukunft sein kann.

Die Coronakrise fordert auch die Sieben Lindener*innen auf eine neue Art.

Die Coronakrise jedoch fordert auch die Menschen von Sieben Linden auf ganz neue Weise heraus. Auch hier treten plötzlich unterschiedliche Einstellungen und Ansichten zu aktuellen politischen Themen zutage, die drohen, die Gemeinschaft zu spalten. „Ich war sehr erstaunt, wie unterschiedlich die Situation interpretiert wird“, berichtet Eva. Doch wo, wenn nicht in Sieben Linden, könnte ein offener Diskurs kontrovers, aber respektvoll geführt werden? Die Dorfbewohner*innen versuchen daher nun, sich darauf zu besinnen, was sie eint: die Sorge um die Natur und die Menschen und der verantwortliche Umgang mit Ressourcen und dem eigenen Handeln. So könne auch diese Krise gemeistert werden, ist sich Eva sicher.

Der Seminarbetrieb soll die Idee nachhaltiger Lebensstile nach außen tragen.

In Sieben Linden herrscht reger Seminarbetrieb.

Auch der rege Seminarbetrieb, der sonst im Dorf herrscht, ruht gerade. Normalerweise kann man in Sieben Linden eine Vielzahl von Seminaren zu unterschiedlichen Themen besuchen. Es gibt zum Beispiel Kurse zu ökologischem Kochen, gewaltfreier Kommunikation, Strohballen- und Lehmbau. Auch das wöchentlich stattfindende Sonntagscafé mit selbstgebackenem Kuchen und Führungen durch das Ökodorf zum Kennenlernen ist beliebt. Eine gute Möglichkeit für die Bewohner*innen, andere mit ihrer Lebensweise zu inspirieren. Ein großer Teil der Finanzierung für das Gemeinschaftsprojekt wird durch die Seminare abgedeckt. Ein weiterer großer Teil ist der genossenschaftliche Ansatz. Jede*r neue Bewohner*in muss Genossenschaftsanteile erwerben und wird damit zur/zum „Mit-eigentümer*in“ des Dorfes.

Wie wird man Bewohner*in von Sieben Linden?

Um in Sieben Linden wohnen zu können, muss man einen langen Prozess durchlaufen. Es gibt für Anwärter*innen eine dreistufige Seminarreihe. Sie beginnt mit einem Wochenende in Sieben Linden. Dann folgen eine gemeinsame Woche und schließlich ein zweiwöchiger Gemeinschaftskurs. Danach kann man eine einjährige Probezeit beantragen. Das Ziel der Kurse ist nicht unbedingt, dass die Sieben Lindener*innen potenzielle neue Bewohner*innen kennenlernen – wobei das ein interessanter Nebeneffekt ist. In erster Linie geht es darum, dass Interessierte sich selbst reflektieren und kennen lernen. Dass sie herausfinden, ob sie „fit“ sind für eine solche Gemeinschaft. Es gibt aber auch andere Wege nach Sieben Linden. „Manchmal brauchen wir unbedingt Köche oder Handwerker*innen. Die kommen dann über ihren Arbeitseinsatz zu uns“, berichtet Eva Stützel. Auch Freiwillige werden im Dorf angestellt. Sie bleiben manchmal länger als gedacht.

Sieben Linden, ein handyfreies Dorf

Bei aller Zukunftsorientiertheit, die das Ökodorf erprobt, gibt es eine Regel, die viele vermutlich als rückwärts gewandt einstufen würden: Handys sind tabu. Auf dem gesamten Gelände herrscht ein mehr oder weniger strenges Mobiltelefonverbot. „Man darf es kurz anmachen, um eine Nachricht zu schreiben oder zu empfangen, aber dann muss man es wieder ausschalten“, erklärt Eva. Es gibt auch kein WLAN im Dorf. Die Bewohner*innen möchten sich zum einen vor einer möglichen Strahlenbelastung schützen. Zum anderen sind elektronische Geräte wahre Zeitfresser. Die Gemeinschaft würde leiden, hätte jede*r ständig sein Smartphone in der Hand. Für diese Art von „Zusammensein“ ist die Welt „draußen“ ja schon eine Zukunftswerkstatt.

Früher waren die Regeln noch strenger, doch selbst eine so abgeschlossene Welt wie Sieben Linden kann sich dem technologischen Fortschritt nicht entziehen. Gerade junge Leute möchten nicht komplett ohne Smartphone leben. „Die Regel, dass Handys verboten sind, war die meist gebrochene in Sieben Linden“, erzählt Eva lachend. Daher sehe man es jetzt weniger streng und versuche, den Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit elektronischen Medien beizubringen.

Die Einfachheit früherer Zeiten mit den Erkenntnissen von heute leben

Junge Leute, die in Sieben Linden aufgewachsen sind, zieht es häufig in die große Stadt Berlin. Die erste Generation von gebürtigen Sieben Lindener*innen ist mittlerweile zum Studieren oder Arbeiten weggezogen. Ob sie zurückkommen, ist nicht gewiss. Ob sie den Lebensstil ihrer Eltern weiterführen, auch nicht. Die meisten kommen aber gerne am Wochenende nach Hause und schätzen die Gemeinschaft, in der sie groß geworden sind. Es erinnert ein bisschen an frühere Zeiten, als sich das Leben der Menschen noch viel mehr in Dorfgemeinschaften abspielte. Es scheint das zu sein, wonach sich der moderne Mensch sehnt: die Einfachheit von damals, als man noch nicht alles hatte, Dinge mit Nachbar*innen teilen und sich vor allem menschlich näher sein.

Vielleicht liegt unsere Zukunft ja in der Vergangenheit. Mit dem Unterschied, dass man damals weniger hatte und heute bewusst verzichtet.

Mehr Informationen zum Ökodorf gibt es auf der Webseite.

 

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