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Sabine und Christoph, zwei ehemalige Wiener Stadtmenschen, wagten das Experiment und bezogen ein Tiny House. Heute sind sie glücklicher denn je.

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von Isolde Hilt

Die Sehnsucht nach mehr Freiheit und Natur haben viele. Für die meisten bleibt es beim Schwärmen und Träumen, weil man meist nicht weiß, wie man so etwas verwirklichen soll. Wie es doch gehen kann, zeigt die Geschichte von Sabine und Christoph Bennett aus Österreich. Das Paar hat den Sprung aus der Weltstadt Wien gewagt, sich ein Tiny House gekauft und seine Entscheidung noch kein einziges Mal bereut. Auch wenn nicht immer alles rosig und rund läuft … 

Und irgendwann merkt man, es reicht und will nicht mehr passen. Hellhörige Wände, ein lautes Umfeld, bedrängtes Miteinander … Sabine und Christoph begeben sich auf Wohnungssuche, in einer Großstadt wie Wien alles andere als einfach. 2012 ziehen sie in eine Genossenschaftswohnung in Niederösterreich, doch steigende Miet- und Nebenkosten lassen die beiden nicht zur Ruhe kommen. „Wir wollten immer naturnaher wohnen und sind in verschiedenen Urlauben auf den Geschmack von kleinen Holz- und Blockhütten gekommen. Man fängt an zu überlegen, was man denn tatsächlich zum Leben braucht und wie groß der Platz sein müsste“, erinnert sich Sabine. Dass es dann ein Tiny House wird, ist wesentlich einem Lebenstraum von Christoph geschuldet. Der gebürtige Wiener will noch unbedingt für ein paar Jahre in Kanada und Nordamerika leben und arbeiten. Ein Haus auf Rädern, in dem man leben und reisen kann, das einem ein Zuhause und damit auch eine gewisse Sicherheit gibt, ist ein Kompromiss, auf den sich auch seine Frau einlassen kann. „Die ersten Jahre, so unser Plan, würden wir fix auf einem Grundstück stehen und da wohnen, bevor es dann für fünf bis sieben Jahre auf große Reise geht.“

 

Das Tiny House nimmt Gestalt an.

Was auf den ersten Blick locker zu bewältigen scheint, macht schnell fast genauso viel Arbeit wie die Verwirklichung eines Einfamilienhauses. Zumindest im Fall von Sabine und Christoph: „Uns sprach die Holzriegelbauweise an und dann begannen wir, nach langen Überlegungen und Recherchen, aktiv zu planen.“

Das Wiener Paar gehört zu den Tiny House-Pionieren in Österreich. Die beiden studieren alles, was mit dieser so anderen Form des Wohnens und Lebens zu tun hat. Zwischendurch blitzt auch einmal die Idee auf, ob man sich nicht ein Tiny House aus den USA importieren sollte – von dort, wo diese Bewegung ihren Anfang nahm. Doch mit der Zeit entsteht ein immer genaueres Bild ihres Häuschens und bald ist klar: Von der Stange geht das neue Zuhause nicht. „Wir nutzten Planungs-Apps für Häuser, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie so ein Haus Gestalt annehmen könnte. Im Campingbereich haben wir uns auch umgesehen, denn da haben die Menschen Erfahrung, wie man mit reduziertem Wohnraum klarkommt. Auch ein Wohnmobil zogen wir in Erwägung … Doch uns ist ein Wohnklima in einem möglichst biologischen Umfeld, in dem es sich 365 Tage im Jahr gut leben lässt, wichtig. An einer individuellen Planung führte irgendwann kein Weg mehr vorbei.“

Und leider bleibt beiden, wie sich später herausstellen soll, auch der Wermutstropfen nicht erspart: Als sich Sabine und Christoph für ein Tiny House entscheiden, gibt es auf dem Markt gerade einmal drei Anbieter in Österreich. Sie geraten an einen Hausbauer, der nicht hält, was er versprochen hat. Das Haus, das sie heute haben, lieben sie zwar, doch bis ins hohe Alter wird es nicht standhalten.

 

Und dann hast du ein Haus und weißt erst mal nicht, wohin damit …

Das Haus planen, den Hausrat dezimieren – verkaufen, verschenken, spenden, was man nicht braucht: Die dafür notwendige Zeit lässt sich irgendwie berechnen. Doch wo stellst du ein Tiny House hin, das, wenn es einmal fertig ist, 14 Meter misst? „Für die Grundstückssuche hatten wir ein halbes Jahr geplant, nachträglich war das sehr naiv. Wir wurden nicht fündig und hatten sprichwörtlich erst in letzter Minute das Glück, ein 270 Quadratmeter großes Grundstück auf einem der damals schon begehrten Campingplätze zu bekommen.“

Unzählige Anfragen nach einem Grundstück an Gemeinden, Ämter, Landesregierungen und andere Stellen haben immer nur die gleiche Antwort zur Folge: „Ein Haus auf Rädern hat nichts auf einem Grund zu suchen und eignet sich lediglich für das Wohnen am Campingplatz.“ Eine generelle Barriere, das bei der Entscheidung für oder gegen ein Tiny House doch eine sehr große Rolle spielt, wie Sabine und Christoph bestätigen: „Schließlich mussten wir ja einen Platz finden, der uns auch ganzjähriges Wohnen inklusive Winterwasser und dergleichen bietet.“ Nach längerem Suchen haben sie inzwischen einen schönen Platz bei einem privaten Vermieter auf einer vier Hektar großen Obstplantage in St. Pölten gefunden.

Funktioniert ein Tiny House wie ein normales Haus?

Wie läuft das mit Zu- und Abwasser, mit Toilette, Stromversorgung, Waschmaschine? Oder gibt es die gar nicht? Bei 26 Quadratmeter Wohnfläche für zwei Personen ist Einfallsreichtum eine notwendige Eigenschaft. „Auf wichtige Annehmlichkeiten wollten wir nicht verzichten“, führt Christoph aus. „Wir nutzen eine Photovoltaik-Anlage, die uns trotz Waschtrockner, Geschirrspüler, Kühl- und Gefrierschrank und Infrarotheizung von März bis Oktober autark mit Strom versorgt“, beschreibt Sabine die Ausstattung. Es gibt einen Frischwassertank mit eigener Pumpe und einen Abwassertank, denn irgendwann wollen die beiden ja noch auf Reisen gehen. Die Elektroinstallationen sind auf 220 Volt ausgelegt, um ganz normale Haushaltsgeräte nutzen zu können. In den Wintermonaten ist allerdings Landstrom notwendig, weil die Sonne zu selten scheint.

Die Frage nach der Toilette hat sich auch erstaunlich leicht lösen lassen, so Christoph: „Das war für mich eines der größten ‚Angstthemen‘. Im Endeffekt war das dann keine große Sache. Heute denken wir dank unserer Trockentrenntoilette gar nicht mehr darüber nach. Wenn ich eine reguläre Toilette nutze, wird mir dagegen viel mehr bewusst, wieviel Wasser in Trinkwasser-Qualität da in den Kanal läuft …“

 

Seit vier Jahren auf engem Raum zusammen …

Wer Weite und Höhe liebt, würde sich vermutlich schwer tun. Sabine und Christoph jedoch haben ihre Form des Zusammenlebens gefunden. Da ist zuerst einmal das Praktische: Man hat alles gleich bei der Hand, selbst für Schnick-Schnack und wichtige Erinnerungen ist noch ein bisschen Platz. Mit dem Putzen ist man schneller fertig und kann mehr Freizeit genießen. Was sich beide gewünscht hatten – mehr mit ihrer Hündin in der Natur – ist jetzt problemlos möglich.

Beide entdecken das Leben jeden Tag neu. Wie sehr man wachsen, lernen und Spaß dabei haben kann, wenn man Nachhaltigkeit, Ressourcen schonen, der Natur nahe sein nicht mehr nur in der Theorie kennt, sondern lebt. Minimalismus ist zum Reichtum für sie geworden. „Mein Mann“, schwärmt Sabine, „konnte aufgrund geringerer Lebenshaltungskosten seine Arbeit um einen Tag reduzieren. Das bringt uns mehr Lebensqualität.“ Und Christoph ergänzt: „Ich habe lange Jahre nur in Wohnungen gelebt. Auf diese Wohnform zu wechseln, war – im positiven Sinn – eine große Umstellung. Heute sind mir Ruhe und Abgeschiedenheit noch viel wichtiger als früher. Weniger ist, zumindest in unserem Fall, definitiv mehr. Weniger zu besitzen, zu pflegen, entstauben oder verräumen zu müssen, hat mein Leben positiv beeinflusst.“

Wäre ein Tiny House etwas für mich?

In Österreich findet man inzwischen an die 30 Anbieter für Tiny Houses, der Bedarf ist enorm gestiegen. Die Community, ist sich Sabine sicher, würde deutlich mehr wachsen, wäre da nicht die Problematik mit einem Stellplatz.

Und auch diese Fragen sollte man, so die beiden Tiny House-Erprobten, vorher eingehend prüfen:

• Halten wir es als Paar so eng und nah aufeinander Tag für Tag miteinander gut aus?

• Die Lebensgestaltung in einem Tiny House hängt immer auch stark von den Wetterbedingungen ab. Mit Kindern, die in einer gewissen Lebensspanne viel Platz brauchen, kann es eng werden.

• Soll es ein Freizeithaus sein oder zentraler Wohnort? Die Qualitätsansprüche werden unterschiedliche sein.

• Auch wenn ein Tiny House kleiner als ein normales Haus ist, fordert es in der Planung und beim Bau nicht unbedingt weniger heraus.

• Soll das neue Zuhause mobil sein oder will ich es stationär bewohnen?

• Ein Tiny House sollte allen Regeln der Baukunst entsprechen. Stabilität ist der Grundstock, Baubiologie der Bonus. Eine wichtige Frage also: Wer baut das Haus?

 

Ein Tiny House bedeutet immer noch, in einer Nische zu leben.

Sabine und Christoph erleben immer wieder, wie sehr das Thema „Leben in einem kleinen Haus“ polarisiert. Auch Vorurteile halten sich hartnäckig. „Nein, wir streunen nicht herum und pieseln auch nicht auf die Wiese. Es ist schon interessant: Niemand zeigt mit dem Finger auf Villenbesitzer. Wir finden, jede*r soll so leben können, wie er oder sie das möchte.“ Beide unterstreichen, dass sie nicht missionarisch unterwegs sind: „Wir halten es nicht für den einzig richtigen Weg, sondern es ist der richtige Weg für uns. Und wir können zeigen, dass es auch noch andere Wege gibt. Am Ende muss das für den oder die Einzelne passen.“

Die Lebensform indes kann für jede Altersgruppe die richtige sein. So gibt es zum Beispiel Communities auch für ältere Menschen, wo jede*r seinen Wohnraum hat und dennoch nicht alleine ist. Und Christoph bringt noch einmal den ursprünglichen Gedanken der Tiny House-Bewegung in den Vereinigten Staaten in Erinnerung: „Leute waren nicht bereit, sich auf Gedeih und Verderb zu verschulden. Sie suchten nach Möglichkeiten, trotzdem zu ihren eigenen vier Wänden zu kommen. Und bei der Einkommensschere, mit der wir uns zunehmend konfrontiert sehen, wird das Tiny House durchaus eine wichtigere Zukunft haben. Viele Leute können sich oft gar nicht mehr leisten als ein paar Quadratmeter eigene Wohnfläche.“

„Ich fände es schön, wenn man mit seinem Tiny House einfach vorurteilsfrei und legal wohnen könnte“, wünscht sich Sabine. Außerdem sollte es klare Vorgaben geben, ab wann man sich als Tiny-House-Profi bezeichnen kann, denn auch diese Bauweise verlangt fundiertes Fachwissen. Wo und wie man wohnt, wirkt sich erheblich auf die Lebensqualität aus. Wer da gerade nicht glücklich sei, könnte sich diese Art des Lebens ja einmal näher durch den Kopf gehen lassen, empfiehlt Christoph. Die beiden ehemaligen Stadtmenschen haben ihr Glück durch Mut und Ausprobieren gefunden.

 

Weitere Infos:

www.facebook.com/laercherl.haus

www.facebook.com/wohn.eLKaWe

https://www.instagram.com/wohn.elkawe/

 

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