Über die Liebe zur Fotografie:
… und die Wege, die dahin führen

Steve Schneider fand seinen Weg über die Begeisterung für Kameratechnik. Seine Erkenntnis: "Technische Perfektion entscheidet nicht über ein gutes oder wertvolles Bild."

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von Isolde Hilt

Schon als Kind wollte Steve immer wissen, wie Dinge funktionieren. Die Begeisterung für Ursache, Wirkung und Details blieb ihm und wirkte sich entsprechend auf seine berufliche Laufbahn aus. Einer Ausbildung zum Bankkaufmann folgten ein Studium in Wirtschaftsinformatik und ein Job als Software-Entwicklungsleiter bei einem internationalen Konzern für globale Finanzsoftware. In seiner Freizeit lebt er die Liebe zum Detail, seine Neugierde, wie etwas läuft, wie man es wieder zum Laufen bringt, über das Verstehen und Reparieren von Fotoapparaten aus. Dabei entdeckte er auch die Liebe zur Fotografie neu.

Vor 22 Jahren packte Steve die Leidenschaft für die aufkommenden digitalen Kameras. „Meine erste war eine Aiptek QT. Die Bildqualität war alles andere als berauschend, aber ich erkannte sofort, dass das, was der Computer geschafft hatte, auch den Kameras bevorsteht.“ Begeistert erzählt der Hobbyfotograf, wie sich eine riesige Spielwiese für ihn auftat. Die Kombination von Elektronik, Mechanik und Informatik – ein Magnet.

Fleißig erweiterte und modernisierte er sein Foto-Equipment, eignete sich das notwendige elektrotechnische Wissen an und vertiefte seine Kenntnisse in Mechanik. Die Welt der Logik, Zahlen und Details, die er in seinem Beruf so liebt, hatte er nun auch in seinem Hobby gefunden. Er tüftelte, schwitzte, blieb dran: „Schließlich war ich in der Lage, feinste Bausteine auf Platinen zu löten, entlöten, automatisierte Steuerungen für Pools zu entwickeln und diese mit Smart Homes zu verbinden …“ Staunend steht man daneben, kann nur zuhören, ohne alles zu verstehen. Das Bild von Daniel Düsentrieb, dem Genie und Erfinder aus der Walt Disney-Welt, taucht auf …

Doch eines erfüllte sich nicht automatisch, wie Steve sogleich eingesteht: die Hoffnung, dass eine neuere, bessere Technik auch die fotografischen Fähigkeiten mit voranbringt. „Dieses Phänomen kennen sicher viele Hobbyfotografinnen und Fotografen. Irgendwann erreicht man den Olymp der Kameratechnik, fotografiert mit ausgezeichneten Kameras und Objektiven und die Bilder werden trotzdem nicht besser.“

 

Was wäre die Begeisterung für Kameratechnik ohne die Liebe zur Fotografie?

Die Pandemie beschert dem in Niederbayern ansässigen Tüftler neben vielen Einschränkungen auch viel Zeit zu Hause. Er nutzt sie, um Antworten auf die Frage zu finden, was ein gutes Foto ausmacht. „Ich sah mir viele berühmte Bilder an und erkannte, dass die meisten von unserem heutigen Verständnis der technischen Perfektion weit weg waren. Zum einem gab es da diese Technik noch nicht, zum anderen wollte der Fotograf eine spezielle Stimmung, einen eigenen Look kreieren und nahm wenig Rücksicht auf technische Grenzen.“ Hinter all den technischen Exaktheiten muss es also noch ein anderes Wirkgesetz geben – das der Freiheit und des Experimentierens, dem kein Limit gesetzt ist.

Steve holte alle seine Kameras – alte wie neue – aus dem Schrank, lud die Akkus auf und testete. Er wählte eine langweilige Perspektive, ein mäßiges Motiv, Standardeinstellungen. Die Ergebnisse: alle ähnlich schlecht, unabhängig von der Leistungsfähigkeit der Kamera oder Objektive. „Dann machte ich die Gegenprobe und erkannte, dass insbesondere die Technik die geringste Rolle spielt. Entscheidend war vielmehr, dass ich mir bereits vorher überlegte, was ich fotografieren wollte und wie es wirken sollte. Ich machte mir Gedanken darüber, wie die Perspektive, der Himmel, die umgebende Vegetation, die Farben sein sollten.“

 

Ein neues Hobby entsteht: defekte Kameras und Objektive reparieren

Eine neue Leidenschaft bahnt sich ihren Weg. Steve wird bewusst, dass er seiner Begeisterung für Kameratechnik mit der Kunst der Fotografie die Krone aufsetzen kann. „Ich erkannte, dass ich nicht mehr die neueste Technik brauchte, um gute Fotos zu machen. Ich kaufte bewusst defekte Kameras und Objektive, um die Fehlerursachen herauszufinden, sie zu reparieren und anschließend mit ihnen zu fotografieren.“ Dadurch seien ganz individuelle Bilder und abenteuerliche Geschichten entstanden. Und plötzlich kommen Urgewalten, intensive Gefühle mit ins Spiel, die einen in diesem Moment alles andere vergessen lassen: „… Anspannung, Vorfreude, Konzentration, Frustration, Verzweiflung, Erleichterung, Begeisterung und das Erfolgsgefühl, wenn man es tatsächlich geschafft, eine funktionierende Kamera oder ein Objektiv gebaut und damit ein schönes Foto gemacht hat!“

Zirka 40 Kameras hat Steve ins Innere geschaut, 32 davon erfolgreich repariert. Von außen betrachtet, muss das wirklich eine hohe Kunst für sich sein, bedenkt man allein, was eine Kamera heute so alles im Kasten hat. Kann man etwas derart Komplexes überhaupt noch reparieren? „Ja“, lautet die Antwort. „Auch komplexeste Gebilde kann man reparieren, wenn ein Mensch sie vorher zusammengebaut hat. Das dafür erforderliche Know-how und die benötigte Zeit sollte man aber nicht unterschätzen.“ Die Komplexität sei nicht einmal das entscheidende Kriterium. Vielmehr müsse man über das Kameramodell Bescheid wissen. „Welche Bezeichnungen, Ersatzteilnummern und Eigenschaften haben die Bauteile? Dann braucht man noch detaillierte Zeichnungen der Verschaltung der elektronischen Bauteile. Das passende Werkzeug nicht zu vergessen …“ Für einen Technikliebhaber eine klare Sache.

 

„Du brauchst nicht viel Technik, um Fotos anzufertigen, die dich berühren.“

Wohin auch immer das Fotografieren Steve noch führen mag – es ist in seinem Herzen angekommen. Er habe auf seinem Weg gelernt, dass das besondere Foto immer noch durch die Person, die den Aufnahmeknopf betätigt, entstehe. Technische Defizite würden nicht darüber entscheiden, ob ein Foto gelungen sei oder nicht. „Es ist die Stimmung, die Botschaft, die das Foto transportiert. Und als Informatiker kann ich sagen, dass die meisten technischen Probleme inzwischen sehr gut durch geeignete Software-Produkte in der Nachbearbeitung gemindert werden können.“

Und so kann sich Steve auch von der technischen Perfektion lösen, denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: „In der sich immer schneller drehenden Zeit erlauben mir Fotos eine Zeitreise. Zurück zu Momenten, die damals bei der Entstehung der Fotos vielleicht belanglos schienen … Ich fotografiere sehr gerne meine Familie, Freunde, Urlaube und Feiern. Diese Bilder mögen frei von künstlerischem Wert sein, aber für mich sind sie heute unbezahlbar.“

 

Einen herzlichen Dank an Georg Schraml von https://fotografieren-verbindet.de/, der uns auf Steve aufmerksam machte!

 

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