von André Gödecke
Steht ein Mann im Dunkeln am Bahnsteig und brummelt vor sich hin: „Verdammtes Mistwetter! Und der Zug hat auch wieder mal Verspätung! Toll, da kann ich mir ja wieder was anhören von meiner Frau heute Abend …“ – Zwei Engel, hoch über dieser Begebenheit durch den Regen fliegend, hören ihn so reden. Sagt der eine zum anderen: „Komisch, der bestellt jeden Tag das gleiche!“
Hätte ich den Witz vor zwanzig Jahren gehört – ich hätte mich sowohl ertappt als auch provoziert gefühlt: Nix da, kein esoterisches Simsalabim hat Einfluss auf das Wetter, geschweige denn auf die elenden „Störungen im Betriebsablauf“ der Deutschen Bahn! Und was, bitteschön, soll sich ändern, wenn der Kerl anfangen würde, die Wartezeit für Achtsamkeitsmeditation zu nutzen, dem Geräusch des Regens zu lauschen oder gar so zu tun, als spürte er das erste Mal im Leben Regentropfen auf der Haut?
Die Sichtweisen verändern
Heute sage ich: Na ja, ein Körnchen Wahrheit steckt wohl darin. Mag sein, dass die Frau verstimmt ist, wenn er zu spät nach Hause kommt. Aber in dem Moment, wo er durch die Tür tritt – vollzogene Regentropfen-Meditation mal vorausgesetzt – würde ihr sicher schon an seinem Gesichtsausdruck auffallen, dass irgendwas anders ist als sonst. Das wiederum würde im besten Falle dazu führen, dass SIE jetzt anders als sonst reagiert usw. usf. Die Details überspringe ich jetzt mal, aber der Abend würde sicher um einiges besser verlaufen, als im ursprünglichen Grummel-Szenario vorhergesehen. Was also könnte uns in die Lage versetzen, Vertrauen ins Leben zu setzen – trotz Mistwetter und Zugverspätung, trotz Krieg und Klimawandel?
Meine Antwort lautet: Erst mal gar nichts! Denn Vertrauen ins Leben ist Vertrauen als solches – reines Vertrauen ohne Netz und doppelten Boden. Keine Religion, keine wissenschaftliche Erkenntnis und auch keine Erfahrung einer mehr oder weniger behüteten Kindheit kann mir die einsame und maximal verrückte Entscheidung abnehmen, darauf zu vertrauen, dass am Ende doch alles gut wird. Wer jedoch die Vertrauenswürdigkeit des Lebens in Zweifel zieht, wird dafür immer glasklare Beweise in rauen Mengen finden – siehe Tagesschau, Social Media oder den Berliner Feierabendverkehr.
Hinweise darauf, dass sich Vertrauen lohnt
Wenn ich aber mit offenen Augen durch die Welt gehe, stoße ich allerorten auf, sagen wir mal, gut platzierte Hinweise – Hinweise darauf, dass es sich lohnen könnte, Vertrauen ins Leben zu setzen. Beispiele? Gerne:
- das kleine Kind, welches sich in einem Lachanfall quer über den Teppichboden rollt.
- das Wunder einer Rose in einem verschneiten Vorgarten.
- die filigran handgezeichneten Kakaobohnen auf dem Einpackpapier vom Weihnachtsgeschenk meiner Kinder (siehe oben).
- der Geldschein, der im Spendenglas der Ukraine-Hilfe landet, inklusive Austausch von stillem Blick und Lächeln zwischen den beiden an dieser Transaktion beteiligten Personen.
- die junge Frau mit dem selbstgemalten Pappschild, welche am 20. August 2018 erstmals auf den Treppenstufen des schwedischen Parlaments Platz nimmt – und alles das, was anschließend ins Rollen kommt …
Allein die pure Existenz solcher Phänomene ist für mich am Ende doch ein Zeichen dafür, dass es das Leben gut mit uns meinen muss, dass das Leben sich tendenziell immer in Richtung von noch mehr Freude, Fülle und Heilung entwickeln will – wenn wir es denn zulassen. Was ich dazu beisteuern kann, ist mein Handeln – und manchmal auch mein Lassen. Handeln aber nicht aus Angst heraus oder dem Drang, immer alles richtig machen zu wollen: mutiges Handeln, das zwar alles in die Waagschale wirft, sich aber trotzdem niemals zu einhundert Prozent vom Ergebnis abhängig macht.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein freudvolles, erfülltes und mutiges Jahr 2023! Auch wenn der Weg mitunter voller Ungeheuerlichkeiten, Zumutungen und Zweifel sein wird: Nimm immer wieder die Blumen am Wegrand wahr, erfreue dich an ihnen und setze deine Schritte sanft!
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