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Jahrelange Recherchen und persönliche Kontakte machen die Wanderreisen von Herbert Grabe zu etwas Einmaligem. 2020 mag in die Knie zwingen, aufgeben aber ist keine Option.

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Isolde Hilt im Gespräch mit Herbert Grabe

Campo Imperatore in den Abruzzen, ein Hochplateau südlich des Massivs des Gran Sasso

Das Highlight dieses Jahres absagen zu müssen, schmerzt. 25 Jahre Abruzzen-Reisen und die 60. Abruzzen-Reise seit 1995. Ein Doppeljubiläum hätte es werden sollen. Mit einem speziellen Reiseprogramm, ausgesuchten Lieblingsrestaurants, Lieblingskirchen und Lieblingswanderungen. Dazu ein Konzert eines kleinen Orchesterchores eigens für Herbert Grabe von Erde und Wind und seine Gäste. Das alles hat nicht sein dürfen …

Die Corona-Krise und ihre Folgen treffen die Reisebranche tief – individuelle kleinere Veranstalter mit einer Wucht, auf die viele nur mit Aufgeben reagieren können. Das ist für den ausgewiesenen Abruzzen-Experten, der auch noch einige andere Flecken in Italien und Spanien zu seiner Heimat erklärt und diese deshalb als Wanderreisen im Programm hat, keine Option. Seine fiktiven Reisetagebücher sowie nachhaltig wirkenden Landschafts- und Menschenportraits erschließen neue, vielversprechende Wege.

 

Fiktives Reisetagebuch 2020 I Reise in das wilde Herz Italiens I Abruzzen I 7. Tag I Castel del Monte I 6. Juli

Weite am Campo Imperatore

„Kann man sich so etwas Abstraktem wie der Weite annähern? Das hieße dann, hier oder da oder dort begänne die Weite. Da, wo wir stehen, noch nicht, aber da vorne, dort an der Kante, da beginnt sie und dort, ganz hinten an dem Bergmassiv, hört sie möglicherweise wieder auf. Hat Weite also einen Anfang und ein Ende, ist sie eingrenzbar? …

Für mich ist der Altopiano des Campo Imperatore nicht nur eine Hochebene. Es geht bei seiner Würdigung um mehr als den riesigen Wiesenboden von dreißig Kilometern Länge und sieben in der Breite.  Auch um mehr als die annähernd dreitausend Meter hohen Berge, die ihn ansteigend von lächerlichen siebzehnhundert Metern im Süden, Westen und Norden umschließen. Die ihn in ihre Armbeuge nehmen, als wollten sie sagen, lass dich vom Getrampel der dreihunderttausend Schafe nicht verrückt machen, die jahrhundertelang auf dir grasten. Nicht von der Kälte des Winters, von der heißen Sonne im Sommer, von den Meeren der Veilchen in blau und gelb. Vom steinernen Geschiebe, das wir auf dich hinunterdrücken und das dich an manchen Stellen zerreißt. Von dem Wind, der über dich rast und nicht zulässt, dass Bäume auf dir wachsen, sondern nur wenige Büsche.

Wir beschützen dich, wir betten dich an unsere Hänge, wenn sich die Elemente begegnen und du es aushalten musst, dass über uns die durchsichtige Seide der Wolken weht oder schwerer Regen auf dich fällt oder brokatschwere Gewittergewalten drohen …“

Und diese annähernd dreitausend Meter hohen Berge werden jetzt auch Herbert Grabe, so steht zu hoffen, auf ihre Weise beschützen. Werden ihn in seiner Zuversicht und seinem Vertrauen stärken, dass es schon irgendwie gut und vielleicht sogar besser ausgehen wird – trotz Corona-Krise, die zunächst einmal so viel zunichte gemacht hat.

Mit seinem Unternehmen Erde und Wind gehört der gebürtige Oberpfälzer als Reiseveranstalter zu den Berufsgruppen mit den folgenschwersten Einschränkungen. Herbert Grabe bietet außergewöhnliche Wanderreisen an, die ihresgleichen suchen. Hinter jeder Exkursion stecken mehrjährige Recherchen, gewachsene Beziehungen zu Menschen vor Ort, die mehr Freund*innen als Geschäftspartner*innen sind. Ob die Extremadura in Spanien, Sardinien, Sizilien oder die Wanderung entlang der Ilz im Bayerischen Wald: Alles ist für dieses Jahr vorerst abgesagt. Das bedrückt in vielfacher Weise: Investitionen, die sich auflösen, Jahreseinkommen gegen Null, neue Reisekonzepte und -pläne im Moment nicht mehr relevant. Doch Aufgeben ist keine Option. Dafür ist dieser Beruf zu sehr Berufung, in dem die Liebe zum Leben mit all seinem Reichtum Ausdruck findet.

„Dazu kommt, dass ich selbst nach schönen Landschaften, gutem Essen und interessanten Kunstprojekten süchtig bin. Ich suche, um zu teilen.“

Erde und Wind unterscheidet sich von Reiseveranstaltern, wie man sie sonst so nicht kennt. Was zeichnet dich und dein Unternehmen besonders aus? Was macht deine Wanderreisen einmalig?

Ich betrachte meine Teilnehmer*innen nicht als Kunden, sondern als Gäste. Sie vertrauen mir Lebenszeit an, mit der ich verantwortungsvoll umgehen muss. Deswegen reise ich mit ihnen ausschließlich so, wie ich es auch privat tun würde. Was wir essen oder wo wir schlafen, suche ich selbst aus. Das Programm ist ausschließlich mein Programm, weil ich alle meine Reiseziele wie meine Hosentasche kenne. Heute würden dir ja wie beim Convenience Food in Restaurants komplette Reiseprogramme mit Übernachtung und Essen angeboten. Das geht für mich nicht. Es sind sehr individuelle Inhalte, die ich meinen Gästen anbiete und es ist meine Leidenschaft, mit ihnen unterwegs zu sein. Dazu kommt, dass ich selbst nach schönen Landschaften, gutem Essen und interessanten Kunstprojekten süchtig bin. Ich suche, um zu teilen. Kennst du die Szene in »Amarcord«, dem Fellini-Film, wo sie alle an der langen Tafel am Meer sitzen? So soll es sein.

Vielleicht hat die Zeit, wie wir sie jetzt erleben, auch ihr Gutes. Nicht das tun können, was normalerweise jetzt auf dem Plan stünde, ermöglicht Neues … Womit beschäftigst du dich im Moment besonders?

Ich male und zeichne endlich wieder mehr und fing schon im März an, mein analoges Schwarz-Weiß-Fotoarchiv zu digitalisieren. Ich lese noch mehr als früher. Habe mein Atelier umgebaut, und meine Frau und ich erneuerten endlich unsere Gartenzäune. Da wäre normalerweise nie Zeit dafür gewesen. Außerdem teilen wir jetzt unsere Kochaufgaben gerechter auf. Zwei Tage in der Woche kocht sie, zwei Tage ich. An drei Tagen gibt es Reste. Es ist ganz geil, dass ich Zeit habe, selber Nudeln zu machen.

Nudeln selber machen … Welche Formen?

Bisher Cortecce, Orechiette, Lasagne und Ravioli. Ich bin fast sicher, dass ich mir eine Nudelmaschine zulege. Nach der Lasagne taten mir die Hände weh und beim Nudelholz löste sich der Griff.

Du bietest sehr persönliche Wanderreisen an. Recherchierst jahrelang für jede einzelne Exkursion. Knüpfst Kontakte zu Menschen vor Ort, die Kultur, Herz und Seele ihrer Heimat am besten vermitteln können. Bist tief mit ihnen und ihrem Land verbunden. Das alles fehlt dir vermutlich auf schmerzhafte Weise. Wonach hast du die größte Sehnsucht?

Eigentlich wollte ich Ende August, Anfang September mit zwei Freunden zu Fuß vom Tyrrhenischen zum Adriatischen Meer laufen. Salopp gesagt: von Rom nach Pescara, genauer von Gaeta nach Francavilla. Das sind rund 200 Kilometer, für die wir drei Wochen eingeplant hatten. Unter Beteiligung weiterer Freunde und Bekannte, die nur etappenweise dabei sein können. Es ist ein alter Traum von mir, ein Wunsch seit vielen Jahren. Wir wären nach der Region Latium zu Fuß durch die Abruzzen gegangen. Diese wilde Region mit ihren tiefen Buchenwäldern, wunderbaren Wiesen und berührenden Kirchen ist meine zweite Heimat. Die Route ist so geplant, dass sie an fast allen mir lieben und wichtigen Hotels und Restaurants vorbeigeht, die ich dort kenne und mit denen ich teils schon seit 25 Jahren zusammenarbeite. Ganz viele Freunde also, bei denen wir Halt machen. Aber für mich ist das Projekt nicht ad acta gelegt. Ich werde in meine Schuhe steigen …

All das Wissen, das du in dir trägst – zu (Kunst)Geschichtlichem, Philosophie, Literatur, Politischem, Kultur, Kulinarik, Anekdoten und andere Eigenheiten einer Region – sucht sich gerade einen anderen Weg nach außen: Du verfasst fiktive Reisetagebücher. Wie geht das vor sich?

Ragusa, Gemeinde und Stadt auf Sizilien, 2002 zum UNESCO-Welterbe erklärt

Ursprünglich dachte ich daran, mit den Tagebüchern meine Reiselust zu kompensieren und meinen Gästen etwas an die Hand zu geben, damit sie in ihrer Phantasie mitreisen können. Im Katalog ist für lange Texte kein Platz. Ich fing also mit der Extremadua an und war nicht wirklich überrascht, dass mir diese Art des Schreibens gefällt.

Dann kam der Reisetermin Sizilien und ich spürte, dass ich mit den Tagebucheinträgen tiefer in die Materie eindringen muss, weil mich mit Italien seit langer Zeit so viel verbindet. Das erste Mal war ich 1977 in Sizilien. Das Tagebuch formte sich mit Sardinien weiter aus und jetzt, mit den Tagen in den Abruzzen, wurde klar, dass ganz viel in die Feder fließt, was förmlich herausdrängt, um erzählt zu werden. Ich habe seit Mitte der Achtziger über zwei Jahre in den Abruzzen verbracht, da kommt viel zusammen.

Es gibt auch die Heimat, in der ich gerade mit dem Geist und dem Herzen bin.

Eine Art „Nebelwald“ aus Eichen am Punta Palai auf Sardinien

Das scheint eine Reise in doppeltem Sinn zu sein … Entdeckst du dich dabei gerade selbst neu?

Nicht mich, die Landschaften. Ich dringe noch intensiver in die Landschaften ein, in denen ich unterwegs bin. Ich kann mit dem klassischen Heimatbegriff nicht viel anfangen, denn Heimat ist für mich in erster Linie Sprache. Das wäre die Oberpfalz wegen ihrer Vertrautheit, ihrer Kindheits- und Jugendmuster. Aber es gibt auch die Heimat, in der ich gerade mit dem Geist und dem Herzen bin. Wo ich mich wohl fühle, mich austausche, wo mir die Landschaft gefällt, wo ich angeregt werde. Dort, wo die Menschen leben, die ich liebe und mag, die mir viel bedeuten. Wo ich sein möchte und ich intensiv oder zurückgezogen leben kann. Das kann hier sein und in den Abruzzen. Es schließt sich ja nichts gegenseitig aus.

Hast du schon eine Ahnung, wie du das evtl. nutzen willst?

Angela Natale und Giuliano Di Menna in den Abruzzen haben angefragt, ob wir den Teil über die Abruzzen in ihrem Kleinverlag auf Italienisch und Deutsch herausbringen sollen. Mit Fotosequenzen und ergänzenden Information sind die Tagebücher sicher attraktive Reisebücher. Gerade für Menschen, die gerne Reiseerzählungen lesen.

Der Monte Camicia mit 2.564 m Höhe ist ein Teil der Bergkette Gran Sasso.

Eine Lebensweisheit aus eine deiner Traumregionen, die dir jetzt besonders Kraft gibt, lautet?

Mir fällt Pasolini ein: »Das, was wirklich zählt — ist das nicht etwa das Glück?« Und weiter: »Wofür machen wir denn die Revolution, wenn nicht, um glücklich zu sein?« Vor sechzig Jahren fragte er das. Die Revolution, von der er sprach, hat sich wohl überlebt, aber dass wir angesichts der Klimabedrohung und der Verteilung von Macht vieles ändern müssen, ist naheliegend. Es ist wirklich das Glück. Ich möchte auch weiter glücklich sein.

Wie sieht dein Blick in die Zukunft aus?

Zweifelnd, doch optimistisch.

Etwas, das dir noch am Herzen liegt …?

Dass du noch viele good news verkünden kannst.

 

Allen fiktiven Reisetagebücher 2020 zu den Regionen Extremadura in Spanien, zu Sizilien, Sardinien und den Abbruzzen sowie eine Galerie mit traumhaft schönen Bildern und Videos finden sich hier:

https://www.erdeundwind.de/reisen/fiktives-reisetagebuch-2020/

 

Herbert Grabe

arbeitet, wenn er auf seinen Wanderstudienreisen nicht Teilnehmer*innen durch die Abruzzen, Sardinien, Sizilien, die Extremadura oder die Oberpfalz führt, auf den Feldern Fotografie und Kunst.

 

 

 

 

 

 

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