Wir wollen dieses Leben mitgestalten!

Auf dem Instagram-Account "erklär mir mal ..." werden politische Begriffe aus queerer und (post)migrantischer Sicht möglichst simpel erklärt. Für mehr Teilhabe und eine aufgeklärte Debatte.

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Interview von Kristin Frauenhoffer

Habt ihr schon einmal von den Begriffen „Othering“, „Klassismus“, „Ableismus“ oder „Whataboutism“ gehört? Oder wisst ihr, was „Bi_PoC“ sind? Der Bildungskanal „erklär mir mal…“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche und andere Begriffe zu erklären – aus (post)migrantischer und queerer Sicht. Denn nach wie vor finden marginalisierte und diskriminierte Gruppen wenig Gehör im öffentlichen Diskurs. Ihre Perspektive wird häufig nicht gesehen, unter anderem, weil ihnen das politische Vokabular fehlt, um aktiv mitwirken zu können.

Der Instagram-Kanal „erklär mir mal …“ will das ändern. Auf der interaktiven Plattform mit über 70.000 Follower*innen erklärt das 16-köpfige Team politische Begriffe, die sensibilisieren und aufklären sollen. Von A wie Ableismus bis W wie Whataboutism ist alles dabei. Einmal pro Woche widmen sich die Macher*innen in einem IGTV-Video einem Thema aus den Bereichen Queer und Feminismus, Politik und Gesellschaft, Anti-Rassimus und Open Space. Gerade sammelt das Team in einer Crowdfunding-Kampagne Spenden, um dauerhaft unabhängig arbeiten zu können. Victoria Jeffries, Produzentin und (Mit)Gründerin von „erklär mir mal …“, hat uns im Interview mehr zu dem Account verraten.

 

Victoria, wie kam es zu der Idee eures Infokanals?

Es gibt mehrere Schlüsselmomente, die dazu geführt haben, dass “erklär mir mal …” im Mai 2020 online ging. Die Idee stammt von Maja Bogojević. Maja und ich machen seitdem gemeinsam die Projektleitung bei “erklär mir mal …”. Sie hat in einem Interview einmal gesagt, dass wir die Erfahrung gemacht haben, dass man in der “Polit-Szene” ein bestimmtes Vokabular drauf haben muss, um mitsprechen und wirken zu können. Der Zugang zu diesem Wissen ist allerdings maßgeblich durch Diskriminierungen wie beispielsweise Klassismus* beeinflusst. Das wollten wir aufbrechen, indem wir auf Instagram Begriffe erklären. Und das anhand von Quellen, um interessierten Follower*innen das Weiterstöbern zu ermöglichen und die Menschen hinter dem Wissen sichtbar zu machen.

Wir haben auch beobachtet, dass sehr häufig Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, Anti-Diskriminierungsarbeit in ihrer Freizeit für alle anderen machen sollen. Wir dachten, dass es daher nützlich sein könnte, ein paar wesentliche Begriffe in einem sechsminütigen Video auf Instagram herunterzubrechen, da diese einfach teil- und verbreitbar sind.

Wer seid ihr und woher kennt ihr euch?

Hinter „erklär mir mal …“ steckt ein 16-köpfiges Team. Wir haben als eine lose Gruppe von Freund*innen und Bekannten angefangen und sind mittlerweile zu einem unglaublich tollen Team mit verschiedenen Perspektiven und Expertisen herangewachsen. Viele von uns leben in Berlin, wir sind aber auch noch in anderen deutschsprachigen Städten vertreten.

Was wollt ihr mit eurem Kanal erreichen?

Wir wollen Wissen aus queeren und (post)migrantischen Perspektiven ins Zentrum gesellschaftlicher Debatten rücken und dadurch sichtbar und nachvollziehbar machen.
Pajam Masoumi, die Supervision bei „erklär mir mal …“ macht, sagt, dass viele Theorien und Modelle nicht aus dem deutschsprachigen Raum kommen oder in einzelnen Studiengängen verbleiben. „erklär mir mal…“ versuche, interdisziplinär und über den akademischen Raum hinaus zu wirken. Wir wollen aber auch Vorbilder zeigen und schaffen! Menschen mit Migrationsbiografie sind in deutschsprachigen Medien immer noch nicht ausreichend repräsentiert – weder vor, noch hinter der Kamera. Wir wollen sie in allen wesentlichen Produktionsschritten auch hinter der Kamera vertreten wissen. Dadurch können eigene Narrative, fernab von Stereotypisierung und Stigmatisierung, eingenommen werden. Das ist sehr wichtig für uns und unsere Communities.

Warum ist es so wichtig, aus dieser Perspektive zu berichten?

Weil diese Perspektiven in Mainstream-Medien nicht vorkommen. Die Inhalte der meisten Medien werden aus weißen, hetero-normativen Perspektiven erstellt. Über uns wird lieber gesprochen, anstatt uns selbst sprechen zu lassen. Damit wollen wir brechen. Wir arbeiten mit Quellenverweisen, um zu zeigen, dass viele gesellschaftliche Auseinandersetzungen und Überlegungen, die jetzt langsam in den Mainstream-Medien ankommen, in unseren Communities seit etlichen Jahren existieren. Wir sind die Expert*innen unserer gelebten Realitäten!

Wie wählt ihr eure Themen und welche sind euch besonders wichtig?

Wir wollen „erklär mir mal …“ wie ein Glossar führen. Bei der Themenauswahl versuchen wir daher, die “Basic-Begriffe” aufzugreifen, die bei einer politischen Auseinandersetzung hilfreich sein können. In weiteren Themenwochen bauen wir darauf auf. Es lohnt sich also, unseren Feed chronologisch durchzustöbern. Oft thematisieren wir Begriffe rund um Diskriminierungen, Teilhabe und Widerstand, aber nicht ausschließlich. Wir versuchen allerdings, alle Themen „intersektional“ zu denken. Falls du oder eure Leser*innen jetzt nicht wissen, was das bedeutet, kein Problem. Auch dazu haben wir ein Themenwoche herausgebracht.

Was wünscht ihr euch für den öffentlichen Diskurs in Deutschland?

Wir wünschen uns, dass unsere Realitäten und unser Wissen im öffentlichen Diskurs wahr- und ernstgenommen werden. Anstatt ewige Objektivität vorzugaukeln, wünschen wir uns, dass man Perspektiven benennt und sichtbar macht. Wir wünschen uns, dass auch queere Bi_PoCs (Abkürzung für Black, indigenous People_and People of Color) am öffentlichen Diskurs mitwirken können. Und zwar so, wie sie es wollen! Wichtig finden wir, dass wir verschiedene Perspektiven für den öffentlichen Diskurs mitgestalten, prägen und dass wir daran teilhaben können. Wesentlich hierfür: Queere und Bi_PoC Perspektiven in Entscheider*innenpositionen, nicht nur vor der Kamera!

Ist euch noch etwas wichtig?

Wir machen gerade ein Crowdfunding, um unsere unabhängige Medienarbeit weiterführen zu können, ohne dabei noch etlichen Nebentätigkeiten nachgehen zu müssen. Wir brauchen mindestens 56.475 Euro für faire Gehälter, Krankenversicherung, sichere Anstellungen, weitere Formatentwicklungen und vieles mehr. Egal, wie ihr uns unterstützt: Es hilft und wird von uns sehr geschätzt!

Möchtet ihr „erklär mir mal …“ unterstützen, dann geht hier auf ihre Crowdfunding-Seite.

Hier geht es zum „erklär mir mal…“ Kanal auf Instagram.

* Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft

 

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