Isabel Maier-Harth und Alexander Uschold haben zum Jahreswechsel eine besondere Meditation ausprobiert: die Vipassana-Meditation. Es geht darum, zehn Tage am Stück zu schweigen und sich nur auf seinen Körper zu konzentrieren. Gemeinsam mit über 100 anderen Teilnehmern haben sie sich ins Dhamma-Zentrum nach Triebel begeben, um dort zu meditieren.

Im ersten Teil unseres Interviews haben uns die beiden erklärt, dass Meditieren keine Entspannungs-, sondern eine Konzentrationsübung ist. Damit kann man bis an die Tiefen des Unterbewusstseins gelangen und seinen Geist reinigen.

Interview: Florian Roithmeier

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Zehn Tage schweigen – habt ihr es durchgezogen?

Alexander: Ich habe zehn Tage nicht gesprochen.

Isabel: Ich hatte anfangs Essensprobleme, die gelöst werden mussten. Es sind zwar strenge Regeln, aber du sollst nicht leiden müssen, wenn du ein „meditationsfremdes“ Problem hast. Zwei HelferInnen vor Ort unterstützen dich. Du darfst dich auch täglich zu einem fünfminütigen Interview mit der Meditationslehrerin eintragen. Generell leidest du als Neuling am Anfang ziemlich. Ich kannte zwar den Ablaufplan und dachte mir: „Um vier Uhr aufstehen und um halb zehn abends ins Bett, das klappt schon.“ Aber dann kommst du da hin und fängst an, mit innersten Problemen zu kämpfen.

Wie schwer war es für euch, durchzuhalten?

Isabel: Meine Motivation war, das Ziel vor Augen zu haben. Ich hatte mir fest vorgenommen, das zu schaffen. Denn: Was sind schon zehn Tage im Vergleich zum ganzen Leben? Was du in diesen zehn Tagen am meisten brauchst, ist dein eigener Wille. Wer den nicht hat, wird wahrscheinlich abbrechen – und es haben auch Leute abgebrochen. Es ist wie ein Überlebenskampf. Du hinterfragst alles permament und denkst dir: „Was mache ich hier eigentlich?“ Aber das gehört dazu, mit diesen Gedanken bist du nicht allein.

Alexander: Unsere Meditation ging über Silvester. Natürlich sind Gedanken da wie „Jetzt könnte ich auf einer Party sein.“ Aber es wird von Tag zu Tag besser. Ich hatte anfangs ziemliche Rückenschmerzen vom Sitzen – das ging mit der Zeit vorbei.

Die Herausforderung beim Meditieren besteht in der Konzentration auf den eigenen Körper. Wie oft kommen „abschweifende“ Gedanken?

Alexander: In jeder Meditationssitzung ist mindestens ein Gedanke dabei, der dort nicht sein sollte. Aber auch hier zeigt die Erfahrung: Es wird mit der Zeit weniger, da man „geübter“ wird.

Isabel: Insbesondere in den Pausen, in denen du frei entscheiden kannst, was du machen willst, suchst du nach Ablenkung und stellst alles in Frage. Deshalb fand ich die Phasen der Gruppenmeditation am besten. Alle meditierten täglich zu drei festen Uhrzeiten gemeinsam in der Halle. Die restliche Zeit durftest du dich meist frei entscheiden, ob du auf dem Zimmer oder in der Halle meditieren möchtest.

 

„Es fühlt sich manchmal wie im Gefängnis an,
aber du bist freiwillig dort und willst es so.“

Wie muss man sich das vor Ort vorstellen? Ist man dort „eingesperrt“ oder gibt es auch die Möglichkeit, rauszugehen?

Isabel: Das Gelände war teils mit einem Zaun, teils mit einem blauen Band abgegrenzt. Natürlich kommt der Gedanke: „Ich kann jederzeit über das blaue Band steigen und bin draußen.“ Aber das Ziel, durchzuhalten, motiviert ungemein. Zwar fühlt es sich manchmal tatsächlich wie im Gefängnis oder wie in der Psychiatrie an, aber du bist freiwillig dort und willst es so.

Bei so viel Anstrengung stellt sich die Frage nach dem Sinn und Effekt der Meditation. Habt ihr eine Veränderung bei euch festgestellt?

Alexander: Es ist, als ob du eine neue Fähigkeit erlernst: Das geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess. Die ersten „Erfolge“ stellte ich fest, als meine Schmerzen weggingen. Da spürte ich, dass mein Körper nicht mehr so „hart“ war. Das war nach etwa vier Tagen.

Isabel: Als wir am zehnten Tag wieder reden durften, hat mich eine Teilnehmerin, die bereits den fünften Kurs gemacht hatte, gefragt: „Und? Spürst du denn nichts?“ – Erst im Nachhinein wurde mir klar, was sie gemeint hat: Es ist ein Gefühl des Glücks, der Freude, das einen durchströmt. Alle Kursteilnehmer strahlten am Schluss – und ich hätte die Welt umarmen können. Es ist die Erleichterung, dass du es geschafft hast. Ich war stolz! Der „richtige“ Effekt ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden. Ich habe meine Einstellung zu den Mitmenschen geändert. Du baust zu Menschen eine Beziehung auf, ohne mit ihnen zu reden. Sympathien bilden sich auch nur über das Verhalten. Du bist in der Stadt unterwegs und denkst: „Warum schauen mich die Leute so an?“ – Dabei schauen nicht SIE anders, sondern du nimmst deine Umwelt endlich richtig wahr.

Wie habt ihr die Rückkehr in den „Alltag“ nach zehn Tagen des Schweigens erlebt?

Alexander: Ich war am ersten Tag danach einkaufen – mit einem riesen Grinsen im Gesicht. Du nimmst die Leute anders wahr, fühlst dich „leichter“. Du siehst es nicht mehr so eng, wenn du zum Beispiel Schlange stehen musst. Du bist geduldiger.

Isabel: Für mich war es ein ruckartiger Übergang von der Meditation in Alltag und Arbeit. Du solltest bei der Planung also versuchen, nach den Meditationstagen keinen zu vollen Terminkalender zu haben. So kannst du dich wieder an dein Umfeld gewöhnen und die Meditation auch in den Alltag integrieren. Ich nehme mir jetzt mehr Zeit dafür, auf meine Mitmenschen zu achten. Ich schaue zum Beispiel, wenn jemand hinter mir aus der Ladentür kommt, ob ich demjenigen die Tür aufhalten darf oder ob er noch etwas braucht. Das hätte ich vorher nicht gemacht, weil ich einfach in meinem „Tunnel“ war. Du wirst auf dich und auf deine Umwelt sensibilisiert – und das ist schön.

 

„Nach dem Kurs solltest du täglich
je eine Stunde morgens und abends meditieren,
um auf einem Level zu bleiben.“

Kann man diese Erfahrungen auch langfristig in den Alltag mitnehmen?

Alexander: Ein Teil der Erfahrung bleibt, wird aber schwächer. Du solltest nach dem Kurs regelmäßig meditieren, damit es auf einem „Level“ bleibt: täglich eine Stunde morgens und eine Stunde abends. Mit der Technik sollen langfristig keine neuen Verunreinigungen in den Körper kommen und gleichzeitig die alten „rausgewaschen“ werden. Damit das klappt, musst du Zeit investieren und jeden Tag prüfen, ob du neue Verunreinigungen in dich aufgenommen hast.

Was möchtet ihr Interessenten, die vielleicht noch etwas vor so einer langen Meditation zurückschrecken, mit auf den Weg geben?

Isabel: Du änderst die Einstellung auf deine Umwelt. Damit kommt viel Schönes zu dir zurück, womit man gar nicht gerechnet hätte. Du änderst auch deine Außenwirkung auf andere. Das ist ein Geschenk für alle!

Alexander: Man muss es selbst erfahren. Es ist gut, wenn man darüber redet, aber besser ist: Versuchen! Nur darüber zu reden, bringt dich auf diesem Weg nicht weiter.

Welche Einstiegsmöglichkeiten zum Meditieren könnt ihr für den Alltag empfehlen?

Isabel: Du kannst zum Beispiel einen Tag versuchen, intensiv auf deinen Körper aufmerksam zu sein. Bei allem was du tust: Beim Spazierengehen, beim Essen, beim Zähne putzen…

Alexander: Ein erster Schritt ist, auf deine Atmung zu achten. Allerdings gibt es kein Patentrezept für den Anfang. Du kannst dich zum Beispiel einfach eine halbe Stunde hinsetzen und versuchen, nichts zu machen, nur den Atem zu spüren. Einfach darauf achten, was der Körper macht und dich nicht bewegen.

 

„Ein cooles Erlebnis!“

Euer Fazit nach zehn Tagen Schweigemeditation?

Alexander: Wenn du die Meditation als „Black Box“ siehst – wie du hineingehst und wieder herauskommst – ist es ein cooles Erlebnis. Aber es ist kein Urlaub, sondern Arbeit.

Isabel: Ich bereue es auf keinen Fall. Durch die Meditation wurde ich noch sensibler. Aber man muss sich fragen: Bin ich bereit, an mir zu arbeiten? Dieser Kurs ist der erste Schritt, um das herauszufinden.

Noch etwas, was ihr noch sagen möchtet?

Alexander: Wer Interesse hat: Sich kurz informieren, die Regeln durchlesen und sich fragen: Kann ich das akzeptieren? Wenn ja, dann nimm dir vor, die zehn Tage durchzuziehen. Es ist zwischenzeitlich hart, aber lohnt sich.

Isabel: Man darf sich nicht vom Ablaufplan abschrecken lassen: Vier Uhr aufstehen, halb sieben Frühstück, elf Uhr Mittag und am Abend nur noch Obst. Die Vorstellung, sich den ganzen Tag auf seinen Körper zu konzentrieren, macht einen erst einmal wahnsinnig. Jeder wird wahnsinnig, denn du bist es nicht gewohnt, deinen Geist zu kontrollieren, der sonst im Alltag von unzähligen Außenkomponenten abgelenkt wird.

 

Im Anschluss an das Interview meditieren Isabel, Alexander und ich gemeinsam eine halbe Stunde. Der Raum wird abgedunkelt, wir schließen die Augen und hören S. N. Goenka zu, der ein – für mich zunächst nach Kauderwelsch klingendes – „Gebet“ spricht. Ich versuche, mich auf die Atmung zu konzentrieren. Aber immer wieder driften die Gedanken ab. „Mist!“, denke ich im ersten Moment, aber genau das soll ich nicht denken. Ich versuche, mich wieder auf meine Atmung zu konzentrieren. Es ist sehr anstrengend, sich nicht ablenken zu lassen. Nun merke ich das erste Mal, dass Meditieren in der Tat keine Entspannungs-, sondern eine Konzentrationsübung ist. Ich werde müde und bin kurz davor, einzunicken, als fünf Minuten vor Ende die Stimme Goenkas wieder einsetzt. Trotz dieser relativ kurzen Meditationseinheit fühle ich mich am Ende „leicht“. Zwar auch etwas „verschlafen“, aber doch anders. Vielleicht werde ich es nun öfter versuchen… 🙂

Vielen Dank an (v. li.) Alexander Uschold und Isabel Maier-Harth für das spannende Gespräch mit Florian Roithmeier :)

Vielen Dank an (v. li.) Alexander Uschold und Isabel Maier-Harth für das spannende Gespräch mit Florian Roithmeier 🙂

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Interesse geweckt?
Das Vipassana-Meditationszentrum liegt im sächsischen Triebel. Die Kurse sind gebührenfrei. Alle entstehenden Kosten werden durch Spenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern früherer Kurse getragen, die nach dem Besuch eines Zehn-Tage-Kurses die positiven Wirkungen von Vipassana erfahren haben und auf diese Weise nun auch anderen diese Erfahrung ermöglichen wollen. Weitere Informationen und Anmeldung auf https://www.dvara.dhamma.org/de/.

 

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