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Zirkus mit Jugendlichen:
„Die Bühnensituation ist ein Ernstfall.“

Im Interview erzählt Erik Müller-Rochholz wie es ist, mit Jugendlichen eine Zirkusshow auf die Beine zu stellen. Und wie aus Zweifeln eine Welle der Begeisterung wird.
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Interview von Kristin Frauenhoffer

Erik in voller Konzentration. Ob bei eigenen Shows oder als Leiter von Projekten: Auftritte sind etwas Besonderes.

Erik Müller-Rochholz ist selbstständiger Sport-, Theater- und Zirkuspädagoge. Zumindest nennt er seinen Job so, denn eigentlich gibt es dafür keine wirkliche Bezeichnung. Er hat ihn sich gewissermaßen selbst kreiert durch das Erlernen verschiedener künstlerischer Ausdrucksweisen und damit einhergehend der Erfahrung. In seiner Arbeit lernt er viele Menschen verschiedenen Alters kennen. Er führt beispielsweise Sozialtrainings mit Kindern durch, leitet Teamtage für Erwachsene oder Lehrerfortbildungen. Jeder Kurs, den er gibt, und jedes Projekt, das er leitet, ist anders und einzigartig, weil die Teilnehmer*innen selbst immer anders sind. Aber manche Projekte berühren den 45-Jährigen, der selbst als Künstler begonnen hat, mehr als andere. Letzten Sommer leitete er solch ein erinnerungswürdiges Projekt – einen Zirkus mit Jugendlichen. Im Interview hat er uns erzählt, was das Besondere daran war.

 

Erik, du hast letztes Jahr ein Projekt, einen Zirkus mit Jugendlichen, geleitet. Was war für dich besonders daran?

Ja, das war ein Projekt eines Kinder- und Jugendzirkus in Thüringen, mit dem ich vorher schon Kontakt hatte. Sie fragten mich, ob ich mit einer dieser Jugendgruppen ein großes Projekt machen möchte, die dann eine eigene Show entwickelt. Die Gruppe war von der Coronapause ein wenig gebeutelt und hatte noch nicht viel gesehen. Ideen entwickeln sich ja oft erst beim Sehen von tollen Shows. Und diese Erfahrung fehlte da.

Wie hat sich das ausgewirkt?

Sie hatten am Anfang keine Idee, wie man so etwas umsetzt. Wir verbrachten eine ganze Woche in Potsdam, übernachteten auf dem Gelände einer befreundeten Zirkuskompagnie und waren den ganzen Tag zusammen. Der Plan war, in dieser Woche eine Idee zu entwickeln.Für mich war das sehr anspruchsvoll, weil ich gemerkt habe, dass es nicht leicht ist, einen Zugang zu den jungen Leuten zu finden. Normalerweise fällt mir das leicht, aber da war das richtig schwer. Die Gruppe war sehr unterschiedlich, sehr heterogen. Da waren 14-jährige Jungs und 18-jährige Mädels dabei. Das ist an sich schon herausfordernd.

Worin lagen die Herausforderungen?

Es gab zwischen uns sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie so eine Show aussehen soll. Ich hatte damals schon viel modernen Zirkus gemacht … Und da geht es nicht mehr um einzelne Nummern, sondern darum, als Gemeinschaft aufzutreten. Ich fing also mit der Gruppe an, Gruppenchoreografien einzuüben. Bei so etwas ist es für einen Darsteller, eine Darstellerin schwierig zu spüren, was dabei einmal herauskommen kann und wie das wirkt. Man braucht viel Vertrauen in den Menschen, der das anleitet, und den Glauben, dass am Ende wirklich etwas Tolles dabei entsteht. Ich musste die Jugendlichen oft dazu überreden, das noch einige Male zu proben. Davon waren sie einfach nur genervt.

Bist du da nicht ins Zweifeln gekommen, ob das alles gut ist, was du da tust?

Ja, total. Meine richtige Zirkuszeit, in der ich selbst aufgetreten bin, war ja auch schon ein bisschen her. Ich hatte mich sehr gefreut, dass sie mich gefragt haben. Und dann schien es so, dass ich es nicht geschafft habe, wirklichen Zugang zu dieser Gruppe zu bekommen. Am Ende der Woche dachte ich mir: Von mir aus können wir das auch bleiben lassen.

Aber du hast es nicht gelassen und plötzlich veränderte sich alles …

Ja. Nach Rücksprache mit den zwei regulären Leiterinnen der Gruppe haben wir das Projekt doch durchgezogen. Der Durchbruch kam dann an einem Wochenende am Ende des Sommers. Wir hatten extra noch eine Übungseinheit eingebaut, um den Stand der Dinge zu testen und zu schauen, ob wir es durchziehen können. Und da zeigten dann alle aus der Gruppe ihre Nummern, die sie eingeübt hatten. Gemeinsam haben wir geguckt, wie wir alle anderen in die jeweiligen Nummern mit einbauen können. Ich wollte, dass alle die ganze Zeit auf der Bühne sind. Und da haben wir ganz viele Möglichkeiten gefunden! Das war dann der Moment, wo sie gemerkt haben, dass das doch ganz cool werden kann. Das hat man richtig gemerkt. Die Jugendlichen fingen an, sich mit dem Projekt zu identifizieren. Sie wurden immer aufgeregter und merkten: „Hey, das ist ja auch meine Show!“

Das heißt, der Funke ist plötzlich übergesprungen?

Ja, das war das Beeindruckende, das mir in Erinnerung geblieben ist. Ich habe mich unendlich gefreut, wie die Arbeit fruchtet und ein schwieriger Prozess in etwas Gutem endet. Manchmal sieht man ja im pädagogischen Bereich oft gar nicht, ob man erfolgreich ist. Die Jugendlichen hatten sich das Projekt richtig zu Eigen gemacht. Sie fingen an, in den letzten Tagen vor der Aufführung noch Flyer zu verteilen und Plakate zu gestalten, Instagramvideos zu filmen und allen Bescheid zu sagen, damit die Leute kommen.
Und da war noch so ein persönlicher Stolz, weil ich mich künstlerisch ausprobieren konnte. Viele der Dinge, die auf der Bühne passiert sind, waren meine Idee. Am Ende habe ich mich einfach gefreut, dass es so gut funktioniert hat. Es war wirklich sehr erfüllend.

Woran hat es gelegen, dass es plötzlich gut wurde?

Auf der einen Seite war es dieses Vertrauen-Fassen, dass da etwas Gutes dabei herauskommt. Jugendliche kannst du selten motivieren, indem du ihnen sagst: „Mach das.“ Es ist eher ein Inspirieren. Wenn du es schaffst, dass der Funke überspringt, ist es genial. Das fiel mir am Anfang schwer, dann aber konnte ich diesen Funken zünden. Sie stiegen darauf ein und machten selbst weiter, aus eigenem Antrieb. Das zweite ist die Kraft der Aufführung. So eine Aufführung hat einfach eine unglaubliche Kraft.

Die Kraft der Aufführung … Was bedeutet das?

Ich vergleiche das gern mit erlebnispädagogischen Projekten. Irgendwann kommt die Konfrontation mit dem Ernstfall. Zuerst trainiert man und irgendwann geht es dann an die Wand, aufs Meer, aufs Schiff. Der Ernstfall ist da und man muss sich beweisen. Das ist meiner Ansicht nach eins zu eins auf Theater und Zirkus übertragbar, weil die Bühnensituation ein Ernstfall ist. Diese ist sogar teilweise noch viel ernster als das Hochklettern an einer Wand. Auf einer Bühne zu stehen ist so viel krasser. Du exponierst dich mit dem, was dir wichtig ist. Du setzt deine „Coolheit“ und dein Ansehen aufs Spiel, offenbarst dich, traust dich, dich zu zeigen, und setzt dich damit auch Kritik aus. Damit bist du viel verwundbarer als sonst. Wenn man es aber macht und es gut läuft, ist es umso beglückender.

Welchen Einfluss hatte das auf die Gruppe?

Ich fand es sehr beeindruckend, wie sich die Jugendlichen am Ende auf der Bühne bewegt haben. Wir hatten auch Theaterelemente in der Show, und da fiel mir das besonders auf. Wenn Jugendliche Theater spielen, hat das eine ganz besondere Kraft. Erwachsene Schauspieler*innen können sich das auch aneignen. Wenn aber eine Jugendliche, die gerade voll in der Entwicklung ist, etwas auf der Bühne vorträgt, das für sie relevant ist, berührt das noch einmal ganz anders.

Was gibt dir diese Arbeit?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen … Ich bin grundsätzlich interessiert an Menschen. Ein Grundsatz meiner Arbeit ist, dass ich jeden Menschen gut abholen und sehen möchte. Wenn man ein bisschen näher hinschaut und mehr von diesen Menschen sieht, ist das immer sehr beglückend. Jetzt, wo wir darüber reden, wird mir das erst richtig klar … In dem Moment auf der Bühne oder auch kurz davor, wenn die Nervosität aufsteigt, erkennt man viel von der Person. Das finde ich immer spannend und schön.

Mir fällt in diesem Zusammenhang ein Spruch von Robin Williams ein. Er sagte sinngemäß: „Sei freundlich zu jedem, denn jeder trägt sein eigenes Päckchen.“ Das ist bei jedem so, egal, ob Kind oder Erwachsene*r. Meistens erhält man bei einem zweiten Blick, wenn man genauer hinschaut, noch einmal einen anderen Eindruck. Auch die coolsten Leute tragen diese Päckchen. Und es ist einfach schön zu sehen, dass das uns alle vereint.

Dir gefällt dein Job also richtig gut?

Für mich ist er genau richtig. Es hat sich einfach so gut ergeben. Ich habe keine Ausbildung absolviert, mit der ich am Ende etwas Bestimmtes mache. Ich habe nur geguckt, worauf ich Lust habe und das habe ich dann gemacht. Für mich hat sich das immer gut angefühlt. Heute kann ich sagen, dass ich fast nur Projekte mache, die mir Spaß bereiten.

 

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