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Ein Plädoyer für das Alter und warum es höchste Zeit wird, es zu entstauben.

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Interview: Isolde Hilt

Mit manchen Dingen im Leben kommen wir Menschen nicht so gut zurecht. Zuerst kann es uns nicht schnell genug gehen mit dem Älter-Werden, bedeutet es doch, sich nichts mehr sagen lassen zu müssen und selbst entscheiden zu können. Irgendwann dann kippt das Ganze und man möchte den Prozess des Alterns anhalten. Lange leben, ja, aber nicht älter werden, denn da vermutet man das berüchtigte Abstellgleis. Im Erwerbsleben spielt die Diskussion um das Alter eine außerordentlich wichtige Rolle. Viel unseres „Wertes“ hängt vom Beruf ab. Wer sind wir noch, wenn wir nur noch ein paar Jahre zu arbeiten haben und es in Richtung „Ruhe-Stand“ geht?

Franz Schindlbeck – Kommunikationstrainer, Mediator und Coach – führt in Unternehmen genau für diese Altersklasse Workshops durch. Kurse, in denen eine besondere Qualität zum Vorschein kommt: „Der Blick auf das Leben, vor allem auf das eigene, wird bei vielen ein anderer.“

 

Du bietest Workshops für Unternehmen an, in denen sich Mitarbeiter*innen ab 50 unter neuen Gesichtspunkten mit ihrem Leben befassen. Wie sieht das aus?

Es geht zunächst um die Frage „Vorruhestand, ja oder nein?“ und dann darum, mit welcher inneren Haltung ich die letzte Spanne meines Berufslebens angehe und wie die Zeit danach. Welche Bedeutung hat meine Berufstätigkeit jetzt noch für mich? Was erwarte ich konkret von ihr? Im Mittelpunkt steht die Biographie der einzelnen Teilnehmer*innen: Wie bin ich gestartet? Wer oder was wollte ich einmal werden? Bin ich zufrieden mit dem, was ich erreicht habe? Welche Erfahrungen habe ich gemacht? Welche Erfolge, Misserfolge, Verletzungen, Wertschätzungen habe ich erlebt? Wo stehe ich jetzt?

Dabei geht es zunächst um Selbstreflexion und Bestandsaufnahme. Anschließend befassen wir uns mit Themen wie (Work-)Life-Balance, Lebenszyklen und das eigene Potenzial. Wie entwickeln wir unser Potenzial in den verschiedenen Lebenszyklen? Was macht man da, was steckt alles in mir? Wie sieht das Ganze bei mir aus?

Was ist das Verblüffendste, was du in diesen Workshops feststellst?

Dass sich die meisten Teilnehmer – es sind überwiegend Männer – noch nie systematisch ihr Leben angeschaut und überlegt haben: Wer will ich denn sein? Bin ich auf dem Weg dorthin? Mit Ausnahme derjenigen, die schon einmal eine Therapie durchlaufen haben oder zum Beispiel nach einem Burnout im Rahmen einer Reha-Maßnahme damit konfrontiert worden sind.

Welche sind die wichtigsten Erkenntnisse, die die Teilnehmer*innen für sich mitnehmen?

Dass es sich lohnt, systematisch über das eigene Leben nachzudenken, sich mit Fragen über Fremd-und Selbstbestimmung, wann bin ich glücklich oder in meiner Mitte, über Potentialentfaltung, Selbstliebe und ähnliches auseinanderzusetzen. Und dass es im Rahmen solcher Auseinandersetzungsprozesse manchmal notwendig ist, richtungsändernde Entscheidungen zu treffen und durchzuhalten.

Der Blick auf das Leben, vor allem auf das eigene, wird bei vielen ein anderer. Sie stellen dabei auch fest, dass es neben der materiellen Dimension noch andere, tiefergehende Ebenen gibt.

Viele entwickeln auch sehr konkrete Ziele und Pläne, was sie künftig anders machen wollen. Und einige finden sich in dem, wie sie ihr Leben gestalten, zum großen Teil bestätigt. Auch das ist eine wichtige und bestärkende Erkenntnis.

Wenn man sich so umsieht, wird es einem in unserer Gesellschaft nicht leicht gemacht, zu seinem Alter zu stehen. Woran liegt das? Warum klammert man sich so an die Jugend?

Dazu gibt es viele Theorien. Ein wesentlicher Grund ist sicher ein ökonomischer. Junge Arbeitnehmende sind erheblich billiger als ältere mit all den im Lauf der Zeit erworbenen Zusatzleistungen. Trotz steigender Lohnzuwächse sind die Mantel- und Rahmentarifverträge in fast allen Branchen schlechter geworden. In der Automobilindustrie bekommt ein heute 30-jähriger Kollege, wenn er einmal 55 ist, nicht mehr das, was heute ein 55-Jähriger verdient. Ältere Kolleg*innen sind teurer und junge natürlich körperlich leistungsfähiger. Außerdem lassen sie sich leichter formen und führen als erfahrene ältere Mitarbeiter*innen.

Warum werden ältere Menschen oft weniger wertgeschätzt?

Noch nie gab es einen so schnellen technologischen Wandel in fast allen Branchen. Junge Arbeitnehmer*innen sind auf dem neuesten technischen Ausbildungsstand. Erfahrung, die früher etwa im Handwerk der entscheidende Faktor war, scheint heute keine Rolle mehr zu spielen. Diese oft fehlende Wertschätzung macht vielen älteren Kolleg*innen sehr zu schaffen. Sie haben das Bestehende ja aufgebaut, aber das scheint heute niemand mehr zu würdigen. Kritisch wird es, wenn sie die scheinbare Wertlosigkeit als innere Haltung übernehmen.

Welche positiven Aspekte sind für dich mit einem höheren Alter verbunden?

Der Hauptunterschied zwischen einem 28- und einem 55-Jährigen liegt nicht in der angesammelten Datenmenge an Wissen, sondern in der Menge an gelebter Zeit. Er oder sie hat viele Höhen und Tiefen durchlebt, Schicksalsschläge verkraftet, hat erfahren, dass sich das Leben anders entwickelte, als anfangs gedacht. Ein älterer Mensch besitzt ein Gefühl für Entwicklungszeiträume. Er hat mehr Ahnung vom Leben, auch wenn viele diesen Erfahrungsschatz nicht als Wert begreifen.

Wer im höheren Alter nur die Körperlichkeit betrachtet und sich ständig mit der Fitness der Jüngeren vergleicht, versteht die Spielregeln nicht. Wer zum Beispiel nicht weiß, dass im Fußball in der zweiten Hälfte die Seiten gewechselt werden, schießt nur Eigentore. Und genau so verhalten sich viele Ältere, wenn sie nur die körperlichen Aspekte betrachten.

Das heißt, es geht um ein anderes Verstehen des Lebens …

Ja. Grob gesagt, geht es in der ersten Lebenshälfte um Lernen, Ausbildung, Schaffen eines materiellen und zwischenmenschlichen Fundaments. In der zweiten geht es darum, das Leben zu verstehen, ihm einen Sinn zu geben. Wer bin ich beziehungsweise wer will ich sein? Was steckt an Potenzial in mir? Wie kann ich meine Einzigartigkeit entwickeln? Man könnte auch sagen, auswickeln. Wie komme ich in eine innere Balance und kann sie immer wieder herstellen? Was bedeutet jetzt Glück für mich und wie werde ich glücklich?

Das sind zentrale und spannende Fragen in der zweiten Lebenshälfte. Dazu braucht man Wissen und Erfahrung. Und beides ist in diesem Abschnitt auch vorhanden.

Wie kann Potenzialentfaltung im Alter aussehen? Was kann man noch alles entdecken und verwirklichen?

Wir wissen aus der Hirnforschung, den Neurowissenschaften, dass wir mit unserem Gehirn ein gigantisches Potenzial haben, das wir in diesem Leben gar nicht vollständig ausschöpfen können. Auch im hohen Alter können sich neue Neuronen (Gehirnzellen) bilden, vor allem aber neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen zu neuen Netzwerken formen – wenn wir etwas tun, wenn wir lernen.

Beim Stichwort Lernen denken viele an Schule und winken ab. Schade. Leider hat die Schule den meisten Menschen keine besonders positiven Lernerfahrungen vermittelt. Mit Lernen ist nicht gemeint, eine große Datenmenge im Gehirn anzusammeln. Im eigentlichen Sinn heißt Lernen, sich mit Dingen zu beschäftigen, die einem Spaß machen, Freude bereiten – egal, was es ist. Lernen heißt immer, den eigenen Horizont zu erweitern, mehr vom Leben mitzubekommen. Egal, ob man eine neue Fremdsprache erlernt, ein Musikinstrument, zu malen beginnt, das Tanzbein wieder schwingt, sich ehrenamtlich engagiert oder sonst etwas gerne macht. Entscheidend ist die Freude am Tun, denn die ist der beste Dünger fürs Gehirn, hält es jung und in Schwung.

Da gibt es ja auch genügend Beweise …

Ja, bei Künstler*innen, Maler*innen, Schriftsteller*innen und Musiker*innen kann man das wunderbar sehen, da gilt in der Regel das Spätwerk als das Beste. Mein Vater hat nach seiner Pensionierung angefangen, Musik zu studieren. Er war auch ein begeisterter Dirigent und auf die Frage, wie lange er das noch machen wolle, hat er geantwortet: „Ein guter Dirigent gibt den Taktstock beim lieben Gott persönlich ab.“

Entscheidend ist aber, mit welcher inneren Haltung wir an eine Sache herangehen. Diese innere Haltung ist wie eine Art Softwareprogramm in unserem Gehirn, die die Weichen stellt. Wenn ich glaube, dass ich jetzt schon zum „alten Eisen“ gehöre und mir eh nichts mehr merken kann, dann wird es auch so sein. Wenn ich es schaffen will und überzeugt davon bin, dann gelingt es auch. Der Vorteil beim Lernen im Alter ist, dass es auf der Basis gemachter Lebenserfahrungen geschieht. Das ist ein ganz anderes Aneignen von Wissen als das sture Auswendiglernen in der Schule, das nur besseren Noten dient.

Dass das Leben einmal endet, wird einem mit zunehmendem Alter viel deutlicher bewusst. Wie kann man damit besser zurechtkommen?

Am besten, indem man sich bewusst mit der Endlichkeit auseinandersetzt. Leider verdrängen viele diese Auseinandersetzung, aber dann bleibt diese Frage wie eine dunkle, angstmachende Wolke über einem hängen. Es ist spannend, solche Fragen mit Freund*innen, Partner*innen oder Bekannten zu diskutieren, wenn sie mutig genug sind. Wichtig ist auch, für sich selber Position zu beziehen bei der Frage, ob mit dem leiblichen Tod alles aus ist oder ob das Leben in anderer Form weitergeht. Egal, welche Position man einnimmt, wichtig ist, dass man eine bezieht. Man schafft damit quasi einen festen Boden unter den Füßen. Es kann auch sein, dass man diese Position aufgrund gemachter Erlebnisse wieder ändert. Das macht nichts. Wichtig ist, eine zu haben.

Was können wir tun, um dem Alter einen anderen Wert angedeihen zu lassen?

Wir sollten uns ganz bewusst auf die Werte des Alters konzentrieren, uns damit konstruktiv auseinandersetzen und uns fragen, wie wir diesen Teil des Lebens gestalten. Überlasse ich es dem Zufall, was da so kommt oder gehe ich es gezielt an?

Welche Qualität haben meine Beziehungen zu Partner*in, Kindern, Freund*innen? Passen die so oder will ich etwas daran verändern? Was will ich noch erleben? Womit möchte ich mich auseinandersetzen? Was will ich noch lernen? Bin ich zufrieden mit meinem Leben, wie es so dahingleitet? Bin ich vielleiht sogar glücklich? Fehlt mir etwas zum Glück? Kann ich im Hier und Jetzt sein, kann ich genießen? Kann ich mich selber annehmen, wie ich bin, vielleicht sogar mich selber lieben?

Wenn man das Berufsleben hinter sich hat, bringt das Alter neue Freiheiten, aber nur dem, der damit gelernt hat, umzugehen und dessen Tag nicht das Fernsehprogramm bestimmt.

Noch etwas, das dir wichtig ist …?

Franz Schindlbeck, Kommunikationstrainer, Mediator und Coach

Cicely Saunders, die Gründerin der Hospizbewegung, sagte einmal in einem Vortrag: „Es kommt nicht so sehr darauf an, dem Leben mehr Tage hinzuzufügen, sondern den Tagen mehr Leben.“  Und mehr Leben heißt, bewusster leben.

Unsere Gesellschaft glorifiziert die Jugend und den ersten Abschnitt des Lebens. Man kann es aber auch anders sehen: dass die erste Lebenshälfte nur die Vorbereitung der zweiten ist, in der das Eigentliche stattfindet.

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

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