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Unsere Redakteurin verzichtet bereits seit 2,5 Jahren auf ein eigenes Auto – und hat es keine Sekunde bereut.

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von Oxana Bytschenko

Mein neuer Arbeitsweg verläuft entlang der Straße mit vielen Autohäusern. Frühmorgens radele ich an den traurigen Autos vorbei, die (bisher) keiner haben möchte. Ich auch nicht, denn ich verzichte seit 2019 auf ein eigenes Fahrzeug.  

22 Jahre lang war ich immer im Besitz eines Toyotas, Fords oder Opels. Bis es irgendwann reichte, denn das Fahrzeug stand nur in der Einfahrt und kostete Geld. Ich war – und bin – fast immer mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs. Maximal einmal pro Woche habe ich das Auto gebraucht, um einzukaufen oder um das Kind zu seinem Vater zu fahren. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis war unterirdisch. Versicherung, Steuern, Reifenwechsel, Reparaturen, Benzin, der Parkplatz und die Waschanlage zogen mir das Geld aus der Tasche, ohne dass ich wirklich etwas dafür bekam.

Auf deutschen Straßen fahren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 48 Millionen Autos. Wobei „fahren“ zu viel gesagt ist, denn sie stehen meist oder fahren sehr kurze Strecken. Die wenigsten Menschen verzichten auf ein Auto. Im Schnitt wird ein Fahrzeug laut dem Bericht „Mobilität in Deutschland“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur nur 45 Minuten pro Tag genutzt – und meist nur von einer Person. Der Platz, den das Auto jedoch im öffentlichen Raum einnimmt, ist enorm.

Lebenszeit in Stauminuten

Der Einkauf vom Wochenmarkt landet in zwei Fahrradkörben. Foto: Oxana Bytschenko

Als ich den Führerschein machte, waren die Voraussetzungen anders: Ich lebte auf dem Land und wollte unabhängig sein. Für manche Menschen war es damals normal, 300 Meter vom Haus bis zum Fußballplatz zu fahren. Sie haben es nie in Frage gestellt. Heute ist die Welt anders, ich kann sie auch mehr nach meinen Bedürfnissen anpassen. So war nach monatelangen Überlegungen klar: Das Auto und ich gehen getrennte Wege. Es kostete nicht nur Geld, sondern auch Nerven. In Regensburg sucht man damit ständig einen Parkplatz oder steht im Stau. Von Großstädten rede ich gar nicht. Als ich letztens mit dem Mietauto aus Hamburgs Zentrum herausfahren wollte, hat das mehr als eine Stunde gedauert. Eine ganze Stunde meines Lebens! Das ist mir die angebliche Freiheit, die der Autobesitz verspricht, nicht wert.

Letztendlich gab auch der Umweltgedanke einen Schub: Für die lächerlich kurzen Strecken im kompakten Regensburg stieß mein Auto enorme Mengen an Abgasen aus. Außerdem gab es unterwegs keine Abwechslung: Ich fuhr täglich dieselbe Strecke, weil es keine Alternativen gibt. Mit dem Rad kann ich jeden Tag einen anderen Weg fahren, es wird nie langweilig und ich treffe viel mehr Freunde und Bekannte.

Entspannter leben durch Autoverzicht

Mein Rad hat jetzt zwei Körbe für die Einkäufe. Der begrenzte Platz sorgt dafür, dass ich bewusster einkaufe. Dafür sind die Lebensmittel immer frisch und ich werfe weniger weg. Um größere Sachen abzuholen oder zum See zu fahren, nutze ich E-Carsharing.

Ein schöner Nebeneffekt meines Experiments: Durch den Autoverzicht bin ich entspannter geworden. Der Stress ist weg. Beim Radfahren genieße ich die Luft – auch wenn sie jetzt im Herbst deutlich frischer wird – und entdecke immer wieder etwas Neues. Für Hobbys und Sport haben wir Alternativen in der Nachbarschaft gefunden – auch weitab der Innenstadt.

Ich fühle mich weniger getrieben, weil ich nicht mehr 1000 Sachen am gleichen Tag erledigen muss. Ohne Auto kann es warten. Würde ein Auto vor der Tür stehen, wäre in meinem Kopf ständig der Druck: „Das musst du doch noch erledigen, geht ja schnell.“ Und schon würde die nächste Sache dazukommen, weil ich ja schon unterwegs bin – und dann der Parkplatz und der Stress…

Für mich ist autofreies Leben definitiv gesünder, günstiger und entspannter. Das muss nicht für jeden passen. Dennoch könnte man, ebenso wie man berufliche und private Entscheidungen hinterfragt, auch den Besitz hinterfragen. Zum Beispiel mit dem Grundsatz der japanischen Aufräumexpertin Marie Kondo: Macht der Besitz mich glücklich?

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

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2 Responses

  1. Reino

    Bin seit 12Jahren ohne eigenes Auto.
    Habe mir viel Zeit und Ärger erspart.
    Bekomme seitdem auch keine Strafzettel mehr und für die Parkgebühr gibt’s einen schönen Cafe irgendwo.

    Antworten
    • Oxana Bytschenko

      Beeindruckend! Stimmt, die Strafzettel und Parkgebühren hatte ich vergessen. Darauf einen schönen Kaffee! 🙂

      Antworten

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