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Mit ihrer Straßenkunst verschönert eine madrilenische Künstlercrew nicht nur den öffentlichen Raum, sondern auch das Leben der Menschen

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von Kristin Frauenhoffer

Es ist wirklich beeindruckend, was man mit ein paar Farben, Buchstaben, Formen und vielen helfenden Händen alles machen kann. Eine einst trist wirkende Fassade eines Wohnhauses in einer heruntergekommenen Gegend in Panama erstrahlt in neuem Glanz. Und mit einer wichtigen Botschaft an ihren Wänden: „Somos luz.“ („Wir sind Licht.“) Damit alle, auch die Bewohner*innen, daran erinnert werden, dass Würde nicht an den finanziellen Status gebunden ist. Sie ist ein Grundrecht eines jeden Menschen. Auch wenn die Gegend als gefährlich gilt und Drogenhandel an der Tagesordnung zu sein scheint: Hier leben Menschen. Und diese wollen respektiert werden.

Boa Misturas Herzen schlagen für die Kunst und die Menschen

Das bemalte Haus in Panama-Stadt ist ein Projekt der in Madrid ansässigen Künstler-Crew „Boa Mistura“. Die jungen Künstler schaffen Street Art und bemalen Wände, Straßen, Häuser oder öffentliche Plätze. Ihr Ziel ist es, öffentliche Räume zu verschönern, indem sie ihnen Farbe geben und – in einigen Fällen und für einige Gebiete – den Bewohner*innen Hoffnung. Indem sie die Menschen in ihren kreativen Prozess einbeziehen, wollen sie sie ermutigen, den Ort, an dem sie leben, so zu gestalten, dass sie sich dort wohl fühlen. Das Herz der sympathischen Künstlertruppe schlägt nicht nur für die Kunst, sondern auch für die Menschen.

„Somos Luz“ – „Wir sind Licht“: bemaltes Wohnhaus in einem Brennpunktviertel von Panama-Stadt

„Wir waren wirklich schlechte Fußballspieler!“

Die fünf Protagonisten von Boa Mistura lernten sich 2001 im Alter von 15 Jahren kennen. „Wir waren wirklich schlechte Fußballspieler“, erzählt mir einer der Gründer, Pablo Purón. „Also mussten wir uns ein anderes Hobby suchen und entdeckten unsere gemeinsame Begeisterung für Graffiti.“ Auch wenn jeder von ihnen nach dem Schulabschluss ein anderes Fach studierte, hatten sie doch alle mit Kreativität zu tun. Folglich landeten sie alle in der Kreativbranche, sei es als Architekt, Grafikdesigner oder Filmemacher. Während ihrer Studienjahre blieben sie in Kontakt und gründeten schließlich die Gruppe „Boa Mistura“. Das ist portugiesisch und bedeutet „gute Mischung“. „Es klingt gut und es repräsentiert unsere Gruppe. Jeder von uns hat unterschiedliche Fähigkeiten, die er einbringen kann. Das macht uns zu einer guten Mischung“, erklärt Pablo.

Viele Projekte sind sozial ausgerichtet und werden von Städten und Kommunen finanziert

Die Gruppe begann 2010, in Vollzeit an ihrer Kunst zu arbeiten. Sie eröffneten ein Atelier in Madrid und wagten den Sprung ins kalte Wasser, sich als professionelle Künstler zu versuchen. „Es ist eine schwierige Art zu leben und am Anfang war es hart. Aber seit einigen Jahren sehen wir, dass sich unsere Bemühungen auszahlen“, sagt Pablo. Heute arbeiten drei weitere Personen für sie und die Crew erweitert sich je nach Auftragslage. Die Aufträge kommen heute von Stadtverwaltungen aus der ganzen Welt, in denen Boa Mistura Rathäuser, öffentliche Plätze und Wände bemalen soll. Sehr oft sind die Kunstprojekte sozial ausgerichtet. In diesem Fall sind es meist Nichtregierungsorganisationen, die die Künstlergruppe kontaktieren, um Projekte in benachteiligten Gegenden und Vierteln durchzuführen – wie das erwähnte in Panama-Stadt.

„Eine positive Veränderung im Leben der Menschen zu bewirken, ist das beste Gefühl.“

Lus nas vielas – Licht in den Gassen: Dieses Projekt wurde in den Favelas von Sao Paulo durchgeführt. Weil es keine gerade Wand gab, nutzten die Künstler die Anamorphose-Technik, bei der mit der Perspektive gespielt wird.

„Das erste Projekt dieser Art haben wir 2011 in Südafrika durchgeführt. Es hat die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit wahrnehmen, tiefgreifend verändert. Dort haben wir die Kraft der Zusammenarbeit entdeckt“, sagt Pablo. Das Projekt fand im größten Township von Kapstadt, Khayelitsha, statt. Der Besitzer einer kleinen Fahrradschule hatte die Gruppe gebeten, Container zu bemalen, in denen die Schule untergebracht war. Und aus einer spontanen Eingebung heraus baten die madrilenischen Künstler die Kinder, ihnen beim Malen zu helfen. Da die Kinder sofort Feuer und Flamme waren, organisierten sie jede Menge zusätzliches Material und begannen, gemeinsam zu arbeiten. „Wir sahen, dass die Kinder sehr stolz auf ihren Beitrag zu diesem Projekt waren. Es war ermutigend für sie, selbst etwas schaffen zu können“, beschreibt Pablo. Für ihn sei es besonders befriedigend, wenn er mit seiner Arbeit eine positive Veränderung im Leben der Menschen bewirken könne. „Das ist das beste Gefühl und es lässt einen wachsen“, fasst er zusammen.

Projekte, die ihnen am Herzen liegen, müssen umgesetzt werden – um jeden Preis

Seit 2011 hat die Künstlergruppe viele sozial ausgerichtete Projekte realisiert. Oftmals arbeitet Boa Mistura mit sozialen Organisationen zusammen. Aber manchmal gibt es Projekte, die ihnen sehr am Herzen liegen, ohne dass es dafür eine Finanzierung gibt. In diesen Fällen versuchen sie, das Projekt trotzdem zu realisieren und die Kosten aus eigener Tasche zu bezahlen. So wie das letzte, das im Januar 2020 in Europas größter informeller Siedlung „Cañada Real“ bei Madrid umgesetzt wurde.

Cañada Real: Denen, die selten gehört werden, eine Stimme geben

Anfang Oktober letzten Jahres drehte die spanische Regierung den 4.000 Einwohner*innen von Canada Real den Strom ab. Ein Zustand, der nach Ansicht von Pablo Purón nicht akzeptabel ist. Also beschlossen er und das Boa Mistura-Team, diesen Menschen eine Stimme zu geben und auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Sie zündeten 4.000 Kerzen an, jede für eine*n Bewohner*in, und formten in großen, weithin sichtbaren Buchstaben den Satz: „Nos están apagando“ („Sie schalten uns aus“). Die Kerzen wurden von den Nachbar*innen in einer Januarnacht gesammelt und angezündet. „Es gibt viele NGOs und andere Organisationen, die den Menschen auf ihre Weise helfen. Unser Werkzeug ist die Kunst“, erklärt Pablo. Indem sie ein bestimmtes Problem ins Rampenlicht rücken, wollen die Künstler denjenigen eine Stimme geben, die selten gehört werden, und im besten Fall einen öffentlichen Diskurs anstoßen.

Düstere Ecken in helle, optimistische Orte verwandeln

Die Boa Mistura Gruppe heute

Neben der Möglichkeit, Kunst zu machen, ist es vor allem der Austausch mit den Bewohner*innen, der für die jungen Künstler am bereicherndsten ist. Bevor der eigentliche Malprozess beginnt, spricht das Team mit den Menschen, die im Projektgebiet leben. Sie hören sich ihre Geschichten, ihre Sorgen und Probleme an. Aus diesen Gesprächen entstehen oft Ideen. Meist werden die Anwohner*innen in den Prozess der Entscheidung, was und wie gemalt werden soll, mit einbezogen. So wird aus der eigentlichen Straßenkunst eine soziale Kunst, die für alle zugänglich ist und düstere Ecken in helle, optimistische Orte verwandelt. Und das nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes, wie Pablo zusammenfasst: „Am Ende hinterlassen wir mehr als nur Farbe.“

Mehr Informationen zu Boa Mistura findet ihr auf ihrer Webseite, Instagram oder facebook.

Klickt euch durch die Bildergalerie, um weitere Projekte von Boa Mistura zu entdecken:

 

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