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Zufällige Begegnungen können bei einem persönlich manchmal sehr viel auslösen. Wie der alte Mann mit dem Kochfeldschaber, der unseren Autor nicht mehr losgelassen hat …

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von Daniel Hostmann

Ein alter Mann steht leicht schüchtern an einem kalten Wintermorgen vor einem Wegweiser im Stadtpark. Er erkundigt sich nicht nach dem Weg und möchte auch nicht wegen Hilfe angesprochen werden. Verlegen verharrt er mit leicht nach unten geneigtem Kopf vor diesem Schild. Meinem Blickkontakt will er ausweichen, unbedingt …

Der ältere Herr ist geschätzt 70 plus, hat graue Haare und wirkt leicht untersetzt. Ich bin beim Joggen im Stadtpark und laufe an ihm vorbei. Es ist morgens halb neun. Der Himmel komplett grau. Der Boden gefroren und mit einer dünnen weißen Raureifschicht bedeckt. Die Luft sehr frisch, fast zu kalt zum schnellen Ein- und Ausatmen. Alles noch gar nicht richtig hell und erwacht. Wir beide sind die Einzigen. Außer ganz weit in der Ferne – da sind ein großer und ein kleinerer Punkt auszumachen, wobei sich der kleinere unruhig um den großen bewegt. Wahrscheinlich ein Hundebesitzer mit seinem Tier.

Ich drehe meine übliche Runde, raus aus dem Rushhour-Autostau, am Eisbach vorbei … Irgendwie kommt mir der alte Mann seltsam vor. In aller Herrgottsfrühe und bei der Kälte steht er hier neben einem Wegweiser, welcher an einem verzinkten Rohr befestigt ist. Ich setze meinen Lauf wie gewohnt fort, das sonderbare Bild taucht aber immer wieder leicht diffus in meinen Gedanken auf.

 

Im Vorbeilaufen erkenne ich einen kleinen Kochfeldschaber.

Auf dem Rückweg, zirka 100 Meter vor besagtem Schild, endlich die Auflösung. Jedenfalls kommt es mir wie eine Auflösung vor, weil ich einfach keine Erklärung finden konnte. Noch von ihm unentdeckt, kann ich erkennen, wie er sich und seinen rechten Arm weit streckt, um an die obenliegende Schildfläche zu gelangen. Der rechte Arm führt dabei eine Art Wischbewegung aus. Auch ein metallisches kleines Ding kann ich in seiner Arbeitshand erkennen. Dann entdeckt er mich und begibt sich sofort zurück in seine seltsame Haltung, wie bei unserer ersten Begegnung.

Im Vorbeilaufen erkenne ich dieses Mal einen kleinen Kochfeldschaber. Und auf der Schildfläche sind halb abgekratzte Aufkleber zu sehen. Der alte Mann hat sich also zur Aufgabe gemacht, die Schilder, Wegweiser und deren Trägerpfosten von diversen Aufklebern zu befreien.

Beim Nachhause-Laufen erfasst mich wieder diese Szene, nur aus einem anderen Betrachtungswinkel. Warum macht er das? Und warum so früh am Morgen? Als Rentner könnte er doch sicherlich zu dieser Zeit gemütlich bei Kaffee und Toastbrot am Frühstückstisch sitzen. Und warum ist ihm diese Situation anscheinend unangenehm?

 

Der alte Mann versucht scheinbar, diese Idylle zu erhalten.

Angeregt durch meine Bewegung in frischer Luft, kombiniert mein Unterbewusstsein relativ schnell … Bestimmt nimmt er, wie ich, den Stadtpark als einen sehr schönen Ort zum Spazieren, zum Waldbaden und Verweilen auf diversen Bänken wahr. Man kann der wuseligen Stadt innerhalb kürzester Zeit entfliehen.

Ja, viele Park-Beschilderungen sind mit irgendwelchen Aufklebern bepflastert – allen voran mit Motiven von Fußballvereinen, gefolgt von politischen Statements.

Der alte Mann versucht scheinbar, diese Idylle zu erhalten und zu pflegen. Da er nicht sehr groß ist, muss er sich wahrscheinlich sehr anstrengen, die Aufkleber weit oben zu erreichen. Eine Leiter wäre hier zwar hilfreich, würde aber seine Tarnung auffliegen lassen. … Hier handelt es sich nicht nur um reines Saubermachen der Beschilderungen, sinniere ich weiter.

 

Mich lässt das Gefühl nicht los, dass ihn eine Art Zivilcourage antreibt.

Natürlich ist das reine Spekulation meinerseits, aber mich lässt das Gefühl nicht los, dass ihn eine Art Zivilcourage antreibt. Er möchte seinen Teil, auch im Rentenalter, an der Gesellschaft beitragen. Er könnte sich alternativ in karikativen Vereinen engagieren, aber vielleicht ist er zurückhaltend und es fällt ihm schwer, sich mit anderen Leuten auseinanderzusetzen.

Daher hat er diesen Weg für sich gewählt. Das würde auch erklären, warum er bei dieser Arbeit ungern beobachtet werden möchte.

Ich finde das sehr beachtlich. Das Bild – dieser alte Mann innerhalb der kalten Morgenkulisse – wirkt auf mich einerseits traurig, andererseits schön.

Wir leben, zumindest medial gefühlt, in einer umbruchgeprägten Zeit. Man fühlt, dass umwelt- und gesellschaftspolitisch Veränderungen angestoßen werden und dass mehr oder weniger Notwendigkeiten dazu bestehen. Diese Erkenntnis sickert bei den meisten Leuten langsam durch – parallel zu der Einsicht, dass teilweise neues und unbekanntes Terrain betreten werden muss.

Neuen Dingen und Situationen gegenüber kann man, aus einem natürlichen Reflex heraus, mit Vorbehalten begegnen. Ungewisses kann verunsichern und sogar Angst machen. Aber dieser Herr setzt sich mit seinen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln – dem Kochfeldschaber und der Gewissheit, dass jeder Einzelne unsere Zukunft in eine positive Richtung mitgestalten kann – darüber hinweg. Er könnte sich in seine vier Wände zurückziehen, negativen medialen Schlagzeilen nachhängen und sich beispielsweise über die Sauberkeitspolitik in seiner Stadt ärgern …

 

Der alte Mann aber entschließt sich bewusst zum Mitgestalten.

Der alte Mann aber entschließt sich bewusst zum Mitgestalten, innerhalb seines bisherigen Rahmens. Ich finde das sehr positiv. Wer weiß, eventuell waren diese, vielleicht klein anmutenden Taten für ihn nur ein Startpunkt und er ist bereits dabei, weitere Themen anzugehen. Vielleicht liest er gerade in einer Kita oder Hortgruppe Kindern Geschichten vor und hilft ihnen bei den Hausaufgaben. Und vielleicht bekommt das gerade sein Nachbar mit und fängt auch an zu überlegen, welchen Teil er zu unserer Gesellschaft aktiv beitragen kann.

In den darauffolgenden Wochen sah ich ihn nicht mehr. Was ich aber sah, war, dass viele Beschilderungen aufkleberfrei waren.

 

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