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Jaqueline Flory baut in syrischen Flüchtlingscamps Zeltschulen und bringt damit neue Hoffnung zurück.

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von Kristin Frauenhoffer

Weltweit sind derzeit rund 80 Millionen Menschen auf der Flucht – fast so viele, wie Deutschland Einwohner*innen hat. 11 Millionen Geflüchtete sind aus Syrien. 6 Millionen von ihnen leben als so genannte Binnenflüchtlinge im eigenen Land, die restlichen Geflüchteten verteilen sich auf die Nachbarländer. Was all diese Menschen eint: Sie haben weder ein Zuhause, noch eine Arbeit, noch ausreichend Verpflegung, Zugang zu medizinischer Versorgung oder Bildung.

Angesichts dieser Zahlen könnte man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und resigniert denken: „Das ist schlimm, aber was kann ich da schon tun …?“ Nicht so Jacqueline Flory: Die Münchnerin baut seit 2015 in syrischen Flüchtlingslagern im Libanon und in Syrien Zeltschulen. Und das „nur“, weil sie ihren Kindern zeigen wollte, dass man sehr wohl etwas tun kann. Mittlerweile ist ihr Engagement zu einem Vollzeitjob in dem von ihr gegründeten Verein Zeltschule e. V. geworden.

Alles begann während der großen Flüchtlingswelle, die 2015 Deutschland und damit auch München erreichte. Jacqueline Florys Kinder waren damals fünf und sieben Jahre alt. Als sie sich am Küchentisch darüber unterhielten, woher diese Menschen kamen und warum sie geflohen sind, waren beide Kinder bestürzt: „Schade, dass wir nichts für sie tun können“, sagte Jacquelines Sohn und machte damit die entscheidende Bemerkung, die das Projekt ins Rollen brachte. Jacqueline Flory beschloss, mit ihren Kindern gemeinsam eine Idee zu entwerfen, wie man diesen Menschen helfen könne. „Unser Projekt entstand aus dem Wunsch heraus zu beweisen, dass nicht nur Regierungen, Steve Jobs, Unicef oder Mark Zuckerberg die Welt verändern oder das Leben anderer Menschen maßgeblich verbessern können. Dieses Potential steckt in jedem von uns“, beschreibt die Münchnerin ihre Motivation.

Ein humanitäres Drama in Zeitlupe

Als gelernte Arabisch-Übersetzerin ist Jacqueline Flory mit der arabischen Kultur bestens vertraut. So lag es für sie nahe, direkt vor Ort helfen zu wollen: „Wir geben den Menschen die Möglichkeit, in ihrer Heimat das Ende des Krieges abzuwarten.“ Doch sowohl die syrischen Flüchtlinge im Libanon als auch die vielen Binnenflüchtlinge in Syrien leben unter schwierigsten Bedingungen und ohne Hoffnung auf baldige Besserung. Viele von ihnen sind seit 10 Jahren in provisorischen Zeltstädten ohne Zugang zu Bildung. Damit wächst die Generation, die nach dem Krieg ihr Land wieder aufbauen soll, im Analphabetismus auf. Hier wollte Jacqueline Flory ansetzen. Knapp neun Monate sammelte sie durch verschiedene Schulaktionen an der Grundschule ihrer Kinder Geld, um eine Schule finanzieren zu können. „In den Sommerferien 2016 war es dann soweit und wir sind in den Libanon geflogen, um unsere erste Schule zu bauen und zu eröffnen“, erzählt die Münchnerin.

34 Schulen und 7.000 unterrichtete Kinder

Diese erste Schule, die Giraffenschule, sollte erst der Anfang sein. „Wir hatten geplant, eine einzige Schule zu bauen und zu unterhalten. Und dann ging es einfach weiter“, erzählt Jacqueline Flory. Heute sind es bereits 30 Schulen – 17 im Libanon, 17 in Syrien –, die der Verein Zeltschule betreibt. Täglich werden dort 7.000 Kinder von ebenfalls geflüchteten Lehrer*innen unterrichtet. Und damit nicht genug: Der Münchner Verein hat in den letzten sechs Jahren weit mehr in die Wege geleitet als ursprünglich geplant war, denn die Unterstützung hört nicht beim Bau von Zeltschulen auf.

Die Zeltschule möchte das Leben lebenswürdiger machen

Die Zeltschule ist der Mittelpunkt des Lagers.

Dass die Kinder zum Unterricht erscheinen, ist allerdings nicht selbstverständlich. Erwachsenen Flüchtlingen ist es im Libanon nämlich verboten, einer Arbeit nachzugehen, wohingegen sich Kinderarbeit in einer Grauzone bewegt und nicht geahndet wird. Um nicht zu verhungern, bleibt vielen Familien daher nur ein Ausweg: Sie müssen Ihre Kinder auf die Felder zum Arbeiten schicken. Damit die Kinder zur Schule gehen dürfen, versorgt Zeltschule e. V. deshalb alle in der Familie mit Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten, Kleidung und Feuerholz. Weitere Unterstützungsangebote sind Ausbildungsprogramme für Jugendliche oder Alphabetisierungskurse und Handarbeits-Workshops für Frauen. „Da die Menschen seit mittlerweile 10 Jahren ein mehr als rudimentäres Leben in ‚Übergangszelten‘ führen müssen, wollen wir ihr Leben auf so viele Arten wie möglich lebenswürdiger machen“, erklärt Jacqueline Flory. Dazu gehört auch die Zeltschule-Bäckerei, die täglich Fladenbrot backt und verteilt, weil es ein wichtiger Bestandteil der syrischen Kultur ist.

Zeltschule: Ein Familienprojekt

Das Besondere an dem Projekt ist, dass Jacqueline Florys Kinder an jedem Schritt seiner Entstehungsgeschichte beteiligt waren. Von der Idee über die Umsetzung bis zum regelmäßigen Kontakt und Unterhalt der Schulen: „In allen bayrischen Schulferien sind meine Kinder und ich direkt vor Ort“, erzählt Flory. „Und sowohl meine Kinder als auch ich haben tiefe Freundschaften in den Camps geschlossen. Viele Familien begleiten wir seit Jahren und wir sind inzwischen Teil ihrer Familie und sie Teil der unseren.“ Anfangs sei es für alle drei schwierig gewesen zu sehen, unter welchen Bedingungen die Geflüchteten dort leben müssen. Den Kindern fiel besonders auf, dass die Zelte keine Fenster haben und es keine Spielsachen gibt. Umso mehr festigte sich auch bei den Geschwistern der Wille, das Leben in den Camps erträglicher zu machen – auf vielfältige Weise. Regelmäßig führt der Verein heute auch Aktionen an deutschen Schulen durch, deren Erlöse den Flüchtlingscamps zugute kommen.

„Die Kinder glauben wieder daran, dass gute Dinge passieren können.“

Die Wirkung, die der Aufbau der Zeltschulen in den Camps hat, ist erstaunlich. Die Schulen sind zum Mittelpunkt der Camps geworden und verändern das Leben der Geflüchteten. Jacqueline Flory bringt mit den bunt angemalten Zelten Hoffnung, Lebensfreude und Zukunftspläne. Und wieder einmal zeigt sich: Bildung ist enorm wichtig! „Während des Baus der ersten Schule habe ich mit vielen Kindern gesprochen und sie nach ihren Träumen und Zukunftsplänen gefragt. Die Kinder waren von dieser Frage völlig überfordert“, berichtet die Münchnerin. Wie sollte man in einem Flüchtlingscamp auch Zukunftspläne haben, wenn nicht einmal gewiss ist, ob man am nächsten Tag noch genügend zu essen hat? Wenn Jacqueline Flory heute in die Camps geht und die Kinder nach ihren Träumen fragt, bekommt sie 1.000 verschiedene Antworten. „Für mich ist genau das unser größter, lebensverändernder Erfolg: Diese Kinder glauben wieder daran, dass gute Dinge passieren können.“

Wir haben Verantwortung für diese Menschen

Jacqueline Flory, Initiatorin der Zeltschule, lebt ihr Leben heute bewusster.

Auch für Jacqueline Flory hat sich seit 2015 Einiges verändert. „Ich bin dankbarer geworden für jeden kleinen Luxus, den wir hier in Deutschland haben“, sagt sie. Derzeit ist in Deutschland Homeschooling in aller Munde, in den Camps gebe es jedoch Kinder, die noch nie zur Schule gegangen seien. „Wir sollten aufhören, uns nur um uns selbst zu drehen und unsere Probleme immer wieder relativieren.“ Das privilegierte Leben in westlichen Industrieländern ginge mit einer Verantwortung gegenüber denen einher, die es weniger gut erwischt hätten.

Die Arbeit der Zeltschule geht weiter – und braucht Unterstützung!

Die Zeltschulen werden vermutlich noch eine ganze Weile in Betrieb bleiben, denn ein Ende des Krieges ist derzeit nicht in Sicht. „Und ohne einen Regimewechsel werden die Geflüchteten nicht in ihre Heimat zurückkehren können.“, gibt Flory zu bedenken. Umso wichtiger ist die Arbeit der Zeltschule. Da diese ausschließlich von Privatspenden finanziert wird, verändern hier viele Menschen das Leben vieler anderer Menschen. Die Unterstützung kann dabei über viele verschiedene Wegen erfolgen: mit einer Direktspende, einer Spende als Geschenk oder einer Patenschaft. Es gibt auch einen umfangreichen Onlineshop, in dem es die von den Frauen in den Handarbeits-Workshops erstellten Produkte zu kaufen gibt. Jacqueline Flory wünscht sich, dass sich mehr und mehr Menschen hier ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen dort bewusst werden. Und dass es keinen Grund gibt, zu resignieren. Denn jede*r von uns kann etwas tun, das Leben anderer Menschen zu verbessern.

Mehr zur Zeltschule könnt ihr auf dieser Webseite nachlesen.

 

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