Donau ohne Plastik:
„Jede*r einzelne ist besser als keine*r.“

Thomas Thalhammer sammelt regelmäßig Müll am Donauufer. Sein Traum ist es, für jeden Kilometer des Flusses freiwillige Helfer*innen zu finden, die "ihren" Abschnitt sauber halten.

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von Kristin Frauenhoffer

Thomas Thalhammer an „seinem“ Donauabschnitt Kilometer 2375-2377

Er sei ein Augenmensch, sagt Thomas Thalhammer über sich. Das bedeutet, Ästhetik ist ihm wichtig und er fühlt sich unwohl, wenn es um ihn herum nicht schön aussieht. Als Bildhauer und Kunstlehrer ist das nicht verwunderlich. Am liebsten verbringt er seine Zeit mit einer Staffelei an der Donau, um Landschaft und Schiffe zu malen. Doch immer wieder fällt sein Blick auf achtlos weggeworfenen Müll am Ufer und im Fluss. Das sieht erstens nicht schön aus und zweitens schadet es: der Umwelt und den Menschen. Deshalb hat Thomas Thalhammer sein Projekt „Donau ohne Plastik“ ins Leben gerufen. Regelmäßig sammelt er Müll am Ufer der Donau und sucht dafür Mitstreiter*innen aus ganz Europa.

Weggeworfener Müll sucht sich seinen Weg bis ins Schwarze Meer

„Mein Ziel ist es, für jeden Kilometer Donau eine oder mehrere Personen zu finden, die sich verantwortlich fühlen, diesen Abschnitt sauber zu halten“, erklärt der 63-Jährige. Dafür möchte er 5.600 Menschen finden, denn dann wären beide Seiten der Donau von Donaueschingen bis Sulina in Rumänien abgedeckt. Sulina liegt am Donaudelta und das ist auch der Ort, an dem Thalhammer 2019 die Idee zu seiner Initiative hatte. „Ich war dort baden und das Ufer war voller Müll. Plötzlich klatschte mir eine Plastiktüte von einem großen deutschen Discounter ans Bein. Da wurde mir klar, dass ich etwas unternehmen muss“, erzählt er von seinem Erlebnis. Ihm wurde klar, dass wir mitverantwortlich sind für die Verschmutzung im Schwarzen Meer. Der weggeworfene Müll sucht sich seinen Weg den Fluss hinunter und landet schließlich dort. „Das Schwarze Meer ist weltweit das am meisten verschmutzte“, so Thalhammer weiter.

So sollte es in Zukunft nicht mehr aussehen: Müll in der Donau

„Donau ohne Plastik“ als europäisches Projekt

Wieder zuhause, begann der Künstler, an seinem Lieblingsabschnitt der Donau in Regensburg Müll einzusammeln. Seither ist er ungefähr einmal im Monat draußen und kommt jedes Mal mit drei bis vier Müllsäcken zurück. Damit er diese nicht im Hausmüll entsorgen muss, hat er eine Vereinbarung mit einer nahen Mülldeponie, die die Säcke annimmt. Auch seine drei Kinder, die teilweise in Wien leben, begeisterte er für sein Projekt. Sie sammeln nun regelmäßig an einem anderen Donauabschnitt. Und sie helfen ihrem Vater bei der Verbreitung der Idee. Dafür richteten sie den Instagram-Account „Donau ohne Plastik“ ein, um möglichst viele Menschen in allen Ländern, durch die die Donau fließt, zu erreichen. So soll ein europäisches Gemeinschaftsprojekt entstehen, an dem sich Menschen aus Deutschland, Österreich, der Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumnänien, Bulgarien, Moldawien und der Ukraine beteiligen.

Der Traum ist ein großes Fest an der Donau mit allen Freiwilligen

Wer mitmachen möchte, kann ein Foto von sich beim Müllsammeln einreichen und den entsprechenden Donauabschnitt durchgeben. Die Kilometersteine stehen gut sichtbar am Ufer. In Salina geht es los mit Kilometer 0. Mittlerweile sind rund 300 aktive Sammlerinnen und Sammler an der Initiative beteiligt, 20 bis 25 Kilometer werden mit regelmäßigem Engagement sauber gehalten. Thomas Thalhammer fehlen also noch einige Mitstreiter*innen, um seinen Traum von einer sauberen Donau wahr werden zu lassen. „Meine Vorstellung ist, dass wir dann mit allen 5.600 Leuten ein großes Fest am Ufer der Donau, zum Beispiel in Belgrad, feiern“, erzählt er.

Kilometer 2375 – so sehen die Ufersteine aus.

„Ich war immer ein Verfechter davon, einfach selbst aktiv zu werden und damit andere zu motivieren.“

Aber bevor das große Fest der Freiwilligen stattfinden kann, muss das Projekt wachsen und bekannter werden. Dafür plant Thomas Thalhammer zum Beispiel, gemeinsame Sammelaktionen zu veranstalten. Als Vorbild dafür sieht er das am Rhein stattfindende „Rhine CleanUp“, an dem sich in den letzten zwei Jahren über 30.000 Menschen beteiligten. Am Ende der Aktion könnte dann aus dem gesammelten Müll eine Skulptur gebaut werden, stellt sich der Künstler vor. Um die Menschen zu erreichen und zu motivieren, sei aber nicht der erhobene Zeigefinger, sondern vielmehr das eigene Verhalten wichtig. „Ich war immer ein Verfechter davon, einfach selbst aktiv zu werden und damit andere zu motivieren“, sagt er. Er sei überzeugt, dass es genügend freiwillige Donauliebhaber*innen gebe, die helfen möchten. Und jede*r einzelne sei besser als keine*r.

Die erste Müllsammelaktion fand im Januar 2021 statt. Viele weitere sollen folgen.

Verantwortung für die Umwelt muss gelernt werden

Dass Vorbild-Sein die beste Motivation ist, zeigt auch ein Erlebnis, das Thomas Thalhammer hatte, als er wieder einmal auf „seinem“ Donauabschnitt Müll sammelte. Ein Vater mit zwei kleinen Kindern kam zufällig vorbei und fragte ihn, was er da mache. Nachdem er ihn aufgeklärt hatte, riefen die Kinder sofort, dass sie weiter vorn auch Müll gesehen hätten und liefen los, um ihn aufzuheben. „So klappt es mit der Motivation am besten“, sagt Thalhammer, der als Kunstlehrer an einem Gymnsium arbeitet. Und es sei wichtig, gerade auch Kinder für die Problematik zu sensibilisieren. Erwischt er allerdings jemanden „in flagranti“ dabei, den Müll einfach auf den Boden zu werfen, spreche er die Person schon an, berichtet er. Manchmal braucht es eben auch das. Verantwortung für die Umwelt muss gelernt werden.

Eine Sisyphos-Arbeit, die auch Spaß macht

Und die kann auch Spaß machen, erklärt Thalhammer. Das Einsammeln von Müll entlang des Ufers sei eine befriedigende Aufgabe und das müllbefreite, saubere Ufer für ihn als „Augenmensch“ eine Genugtuung. Auch wenn natürlich wenige Tage später schon wieder neuer Müll herumliege. „Es ist leider eine Sisyphus-Arbeit“, sagt der Wahl-Regensburger. Die besten Zeiten zum Sammeln sind im Winter und Herbst, wenn das Gras am Ufer noch nicht zu hoch steht. Auch nach einem Hochwasser, das besonders viel Müll anschwemmt, lohnt es sich. Manchmal fährt Thalhammer auch mit einem Boot raus auf den Fluss, um den Müll zu fischen, den man vom Ufer aus nicht erreicht.

„Donau ohne Plastik“ soll wachsen und sucht Mitstreiter*innen

Nächstes Jahr geht Thalhammer in Ruhestand und hat viel Zeit für sein Herzensprojekt. Spätestens dann wolle er es aktiv vorantreiben, auch wenn er zugibt, kein Organisationstalent zu sein. Aber als Künstler hat er einige Ideen, wie er seine zwei Leidenschaften miteinander verbinden kann. Als eine mögliche Anlaufstelle sieht er den Bund Naturschutz, in dem er auch Mitglied ist. Für weitere Ideen und Kooperationen ist er immer offen. Schließlich gehe sein Projekt uns alle an. Denn der Abfall, insbesondere der Plastikmüll, zerfällt im Wasser zu winzigen Partikeln und landet am Ende wieder bei uns Menschen. Ein Grund mehr, die Donau – und alle anderen Flüsse – sauber zu halten.

Wer bei „Donau ohne Plastik“ mitmachen möchte, kann sich direkt an Thomas Thalhammer wenden und ihm eine Mail an folgende Adresse schicken: th.thalhammer@web.de

Weitere Informationen und Neuigkeiten zum Projekt gibt es auf diesem Instagram-Account. Hier können engagierte Müllsammler*innen auch ihr Foto einsenden und sich für einen bestimmten Abschnitt melden.

Und für alle Donauliebhaber*innen hier noch ein Veranstaltungstipp: Am 26. Mai 2022 (Christi Himmelfahrt) findet im niederbayerischen Niederalteich das Donau-Fest statt. Mehr Infos gibt es hier.

 

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