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Regisseur Domenik Schuster begibt sich in seinem Dokumentarfilm auf die Suche nach Antworten auf diese uralte Frage. Eine Rezension.

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Rezension von Kristin Frauenhoffer

Wenn ein Baby schreit, muss man es hochnehmen. Oder doch nicht? Verwöhne ich es nicht zu sehr, wenn ich auf jedes Weinen reagiere? Den Reflex, ein weinendes Baby auf den Arm zu nehmen, verspürt nahezu jeder Mensch. Und die Wissenschaft bestätigt es: Man kann ein Baby nicht verwöhnen. Trotzdem sind viele junge Eltern verunsichert, ob sie alles „richtig“ machen. Denn es gibt nach wie vor unzählige Erziehungsmythen darüber, was Kinder brauchen. Manche davon sind überholt oder sogar gefährlich.

Ein neuer Dokumentarfilm befasst sich mit der Frage, was Kinder für ein gutes Aufwachsen brauchen. Regisseur Domenik Schuster nimmt seine eigene Vaterschaft als Anlass, um sich mit alten Erziehungsmythen, Bindung und Bedürfnissen zu beschäftigen.

Als Mutter eines dreijährigen Sohnes fühlte ich mich ab der ersten Sekunde angesprochen. Man sieht ein schreiendes Baby und – natürlich – verspürt den Drang, es zu trösten. Wie oft habe ich selbst mein schreiendes Baby herumgetragen, völlig erschöpft und manchmal ratlos, weil es sich einfach nicht beruhigen ließ. Und wie oft habe ich das Internet durchwühlt, auf der Suche nach dem Patentrezept. Dass es das nicht gibt, wusste ich unterbewusst vermutlich schon, aber in der Verzweiflung möchte man so viel glauben. Deshalb haben Erziehungsratgeber und „altbewährte Tipps“ großen Zulauf.

Gewalt – auch unsichtbare – erkennen

Gewalt sollte man Domenik Schuster und seinen diversen Gesprächspartner*innen aus den Bereichen der Pädagogik, Psychologie, Medizin und Geschichte zufolge kritisch hinterfragen. Denn nicht alles, was „schon immer so gemacht“ wurde, ist auch gut. Im Film werden Praktiken wie das bei jungen Eltern immer noch häufig angewendete Schlaftraining, erzwungenes Essen oder das Wegschicken, damit das Kind sich beruhigt, genannt. Und die Psychologin Isabel Huttarsch betont ganz klar: „Das ist Gewalt. Und da müssen wir hinschauen.“ Denn nicht nur die körperliche und mittlerweile (zurecht) unter Strafe gestellte Gewalt an Kindern hat den Namen Gewalt verdient. Auch die vielen kleinen seelischen Verletzungen, die Kindern auch heute noch regelmäßig zugefügt werden, sind letztlich Gewalt.

Gut genug heißt „nicht perfekt“

Doch der Film will nicht verurteilen. Er zeigt nicht mit dem Finger auf Eltern, die manchmal aus Verzweiflung oder unter Stress laut oder ungerecht werden. Das Gegenteil ist der Fall. Und dafür ist schon der Titel „Good Enough Parents“ programmatisch. Er entlastet Eltern, die heutzutage vielfach unter dem Druck stehen, alles perfekt machen zu wollen. Die meisten möchten die autoritäre Erziehung früherer Generationen hinter sich lassen – und stolpern dann oft doch wieder hinein. Weil in uns allen alte Muster stecken, die wir aus unserer eigenen Kindheit mitbringen.

Und manchmal geht es noch viel weiter zurück. Manche der heutigen Glaubenssätze – das zeigt der Film deutlich – stammen noch aus dem Anfang dieses Jahrhunderts: „Man darf Babys nur alle vier Stunden stillen.“ Ein ordentliches Päckchen, das wir als Einzelne und als Gesellschaft zu tragen haben. Daher ist es in Ordnung, als Eltern „gut genug“ zu sein – bedeutet, „nicht perfekt“. Eltern sollen vor allem authentisch sein und dazu gehört, Fehler machen zu dürfen.

Empathie als Schlüssel einer guten Beziehung

Wie nun eine gute Erziehung gelingen kann, darauf antworten die Expert*innen der Dokumentation recht ähnlich. Es geht um Feinfühligkeit, Empathie und Bindung. „Die Vorstellung, man würde Selbstständigkeit erreichen, indem man Nähe wegnimmt, ist nicht der richtige Weg“, sagt etwa der renommierte Kinderarzt Herbert Renz-Polster. Es sei genau andersherum. Geben wir unseren Kindern von Anfang an genügend Nähe und einen „sicheren Hafen“, begegnen wir ihnen mit Empathie und Respekt, könnten sie mutig und selbstbewusst in die Welt gehen. Setzen wir sie hingegen schon im Babyalter Situationen aus, die Angst erzeugen (allein schreien lassen, Schlaftrainings), geraten sie in Not. Und wer in Not ist, kann sich weder entwickeln noch lernen.

Der Umgang mit unseren Kindern hat einen Einfluss darauf, wie sie schwierige Situationen meistern

Und das kann Folgen für ihr gesamtes Leben haben. Das fanden die beiden Entwicklungspsycholog*innen und Pioniere der Bindungsforschung, Karin und Klaus Grossmann, die ebenfalls in der Dokumentation zu Wort kommen, in einer Langzeitstudie heraus. Mit der in den 90er Jahren begonnenen Forschung zum Thema Bindung revolutionierten sie die Erziehungsforschung. Sie zeigten, wie unterschiedlich sicher und unsicher-gebundene Kleinkinder in einer Stresssituation handeln. Während die sicher Gebundenen nach Hilfe fragen, werden die unsicher Gebundenen stumm und versuchen, sich der Situation zu entziehen. Der Umgang mit unseren Kindern hat einen gewaltigen Einfluss darauf, wie diese schwierige Situationen im späteren Leben meistern.

Bindungserfahrungen können überall gemacht werden

Auch die so genannte Fremdbetreuung ist ein Thema, das der Film abdeckt. Und auch hier werden keine Pauschalurteile gefällt, ob es nun gut oder schlecht sei, ein kleines Kind in die Kita zu geben. Vielmehr käme es auf die Qualität der Betreuungseinrichtung an. Bindungserfahrungen können Kinder nicht nur innerhalb der Familie machen. Werden sie feinfühlig begleitet, sind sie in der Kita genauso gut aufgehoben wie zuhause. Der Film zeigt aber auch, dass das in Deutschland leider flächendeckend (noch) nicht der Fall ist. Gleichzeitig begegnen uns in der Dokumentation Menschen, die versuchen, genau das zu ändern.

Eigene Bedürfnisse zu erkennen, ist der erste Schritt zu einem guten Umgang mit unseren Kindern

Und das ist auch die große Stärke des sehr persönlichen Films. Man hat nie das Gefühl, alles sei hoffnungslos und ließe sich nicht ändern. Im Gegenteil: Alle Expert*innen, die zu Wort kommen, machen uns Mut, dass wir es in der Hand haben. Wenn wir beginnen, genau hinzuschauen und unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen, dann können wir auch die unserer Kinder leichter sehen. Dann kann sich eine Beziehung entwickeln, die auf gegenseitigem Respekt und Wertschätzung beruht. Die schönen Naturaufnahmen und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen machen den Film zusätzlich sehenswert. So entsteht ein neuer Blick auf Altbekanntes. Eine absolute Empfehlung für alle, nicht nur Eltern!

Man kann den Film online anschauen und ihn entweder kaufen oder für 72 Stunden ausleihen.

Hier geht es zum Online-Stream.

 

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