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Die junge Initiative bildet Lebenslang-Begleiter*innen aus, die Senior*innen Musik und Kultur zum Mitmachen nach Hause bringen.

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von Kristin Frauenhoffer

Gemeinsames Musizieren bringt Freude (Foto: Meli Dikta)

„Wie möchte ich im hohen Alter leben?“ Erfüllt und voller Vitalität, würden die meisten von uns vermutlich antworten. Die Realität aber sieht für einen Großteil der älteren Bevölkerung in Deutschland anders aus. Studien zufolge gehören Depressionen neben Demenzerkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Auch Einsamkeit spielt eine Rolle. Lebten früher noch drei Generationen unter einem Dach, sind Senior*innen heute häufig allein. Sie verschwinden geradezu aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben, weil ihre aktive Teilhabe wenig gefördert wird. Die Initiative „Lebenslang lebendig Mensch“ möchte das ändern und setzt sich für eine im öffentlichen Diskurs eher vernachlässigte Gruppe ein: alte Menschen.

Spannendes Ehrenamt: Lebenslang-Musik-Begleiter*in

Anette Zanker-Belz und ihr Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, Senior*innen die verlorene Lebensfreude zurückzugeben und mit ihnen gemeinsam die Leidenschaft für Kultur und Musik zu pflegen. Seit 2020 kann man sich bei „Lebenslang lebendig Mensch“ zur/zum „Lebenslang-Musik-Begleiter*in“ ausbilden lassen. Die Ausbildung richtet sich an musikbegeisterte Menschen, die eine sinnstiftende Aufgabe übernehmen möchten. Sie fahren zu älteren und hochaltrigen Menschen nach Hause oder ins Pflegeheim und musizieren gemeinsam. „Das Schöne an der Tätigkeit als Lebenslang-Begleiter*in ist: Es sind Begegnungen auf Augenhöhe mit den Senior*innen. Man lernt so viel voneinander. Man tauscht sich übers Leben aus. Und oft erlebt man zauberhafte Gänsehaut-Momente beim gemeinsamen Singen und Musizieren“, berichtet Anette Zanker-Belz.

Fundierte Ausbildung für einen kleinen Teilnahmebeitrag

Die Ausbildung umfasst einen theoretischen Teil mit Inputs über das Altern, die Kommunikation mit älteren Menschen sowie ein Reflektieren über die eigene Haltung. Danach erlernen die angehenden Lebenslang-Begleiter*innen ganz praktisch, wie sie mit Senior*innen singen und musizieren können. Und schließlich bekommen sie Tipps an die Hand, wie sie selbst Projekte planen und umsetzen können. Besonders attraktiv: Ehrenamtlich tätige Lebenslang-Musik-Begleiter*innen bezahlen dabei nur einen geringen Teilnahmebeitrag und erhalten geballtes Wissen und Kompetenzen.

Ein Herzensprojekt: Lebenslang lebendig Mensch

Anette Zanker-Belz: Gründerin von Lebenslang lebendig Mensch (Foto: Meli Dikta)

Die Gründung der Initiative „Lebenslang lebendig Mensch“ ist eine logische Fortführung von Anettes Lebensweg. Schon als Kind war sie gemeinsam mit ihren Eltern immer wieder bei Senior*innen aus ihrer Kirchengemeinde zu Besuch, die zuhause gepflegt wurden. Einmal – am Pflegebett einer älteren Frau – stellte sie sich aus kindlicher Perspektive die Frage, was diese Frau wohl den ganzen Tag lang machte. „Diese ersten Begegnungen mit dem Leben im hohen Alter und auch mit der Einsamkeit und der fehlenden Abwechslung in solch einer Lebenssituation im Alter haben sich mir sehr eingegeprägt“, erzählt die 40-jährige Heilbronnerin. Sie vertiefte sich weiter in das Thema und arbeitete als Musikvermittlerin und Geragogin („Alternspädagogin“). 2019 begann sie wieder mit ehrenamtlichen Hausbesuchen bei hochbetagten Menschen. Die Erfahrungen dort inspirierten sie zur Gründung ihrer Initiative.

„Es war für mich berührend, dass ich einen Menschen noch so glücklich machen konnte.“

Senior*innen nehmen das Angebot dankbar und begeistert an. Musik ist dabei ein Herzensöffner. Manche seien richtig „ausgehungert“ nach Live-Erlebnissen, berichtet Anette. Ihr berührendstes Erlebnis in diesem Zusammenhang war ein Besuch bei einer bettlägerigen Frau. „Es war die Woche von St. Martin. Ich habe auf dem Nachttisch neben ihr eine Laterne meiner Tochter hingestellt und das kleine Licht angezündet. Dann habe ich für sie „Ich geh mit meiner Laterne“ gesungen. Ich dachte, sie würde schlafen. Als ich aber sah, wie ihr die Tränen die Wangen hinunter liefen, war mir klar: Die Musik hat sie erreicht. Es war für mich berührend, dass ich einen Menschen noch so glücklich machen konnte. Kurze Zeit später ist sie verstorben.“

Oft komme Anette von solchen Besuchen reicher zurück als sie gekommen sei, berichtet sie. „Nach jedem Besuch ist der Koffer praller gefüllt als zuvor: mit Erfahrungen der Senior*innen, mit Lebensgeschichten, mit Erkenntnissen aus dem langen Leben, mit Impulsen für mein eigenes Leben.“

Die Schönheit des Alters erleben

Das sei es auch, was die Arbeit als Lebenslang-Begleiter*in so wertvoll mache: Alte und teilweise hochaltrige Menschen haben einen reichen Erfahrungsschatz, aus dem jüngere Menschen schöpfen können. Es sei eine Chance, die Schönheit des Alters, die Schönheit der alten Stimme und die innere Schönheit im Herzen dieser Menschen zu erleben. „Da wird man selbst richtig ehrfürchtig und hofft, dass dieser Reichtum alter Menschen auch von der Gesellschaft gesehen, geschätzt und für die zukünftigen Generationen bewahrt wird“, hofft die junge Projektgründerin.

„Lebenslang lebendig Mensch“ soll eine große Community werden

Doch die Ausbildung zur/zum Lebenslang-Musik-Begleiter*in soll nicht das einzige Projekt von Anette Zanker-Belz bleiben. Sie ist gerade dabei, die Initiative „Lebenslang lebendig Mensch“ zu einer gemeinnützigen Organisation ausbauen. Das erste Projekt „Lebenslang Musik“ soll durch weitere Themen ergänzt werden. Sie stellt sich eine Community von Begleiter*innen vor, die stark vernetzt arbeitet, um möglichst breitgefächerte Angebote vor Ort, aber auch online anbieten zu können.

Fensterbesuche zu Corona-Zeiten: So geht es auch!

Freude auf Distanz: Fensterkonzert zu Coronazeiten (Foto: Meli Dikta)

Die Corona-Krise war für Anette die erste Bewährungsprobe, wie vielfältig ihr Angebot genutzt werden kann. Im Frühjahr begann sie, Senior*innen am Fenster zu besuchen und kleine Musikeinlagen zu spielen. Aus der Idee wurden teilweise richtige Fensterkonzerte, die auch die Nachbar*innen erfreuten. Einmal tanzte sogar eine ganze Straße mit. Auch Musik über das Telefon oder in Videokonferenzen bietet Anette mittlerweile mit großem Erfolg an.

Unterstützer*innen gesucht!

Um diese Projekte umzusetzen, braucht es natürlich Unterstützer*innen und Wegbegleiter*innen. Daher sind Anette Zanker-Belz und ihr Team auf der Suche nach ideellen und finanziellen Förderern. Nach Menschen, die ihre Vision teilen. „Ich wünsche mir, dass wir alle noch mehr wissen und lernen über das Alter, auch über unser eigenes Alter(n)“, erklärt sie. „Ich wünsche mir, dass wir Menschen – auch mit einer Demenzerkrankung – bis zuletzt Lebensfreude und Lebendigkeit ermöglichen und sie bis zum letzten Augenblick Teil unserer Gesellschaft bleiben. Auch dann, wenn sie ihr Zuhause oder ihr Bett nicht mehr verlassen können.“ So können wir alle gemeinsam – Jung und Alt – die Zukunft von morgen gestalten: herzlich, kompetent und in Nächstenliebe.

Habt ihr Interesse an diesem neuen, besonderen Ehrenamt oder möchtet ihr Lebenslang lebendig Mensch unterstützen? Dann findet ihr auf der Webseite mehr Informationen.

 

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