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Neustart:
Wohnen der Zukunft

Wie können wir nachhaltig und sozial leben und uns dabei auch noch wohl fühlen? Die Initiative Neustart Schweiz hat eine Antwort entwickelt – das Modell der "Nachbarschaft".

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von Kristin Frauenhoffer

Mitglieder der Tübinger Genossenschaft „Neustart – Solidarisch leben und wohnen“ auf dem Gelände ihres potenziellen Wohnquartiers

Stellt euch ein Wohnviertel vor, in dem ihr mit euren Nachbar*innen nicht nur nebeneinander herlebt, sondern sie auch wirklich kennt. In dem man sich gegenseitig unterstützt und zusammen arbeitet. Eine Nachbarschaft, die ressourcenschonend und ökologisch ist, weil man alles fußläufig erreichen kann. Eine Utopie? Solche Orte gibt es tatsächlich schon. Und viele weitere sind in Planung, zum Beispiel in Tübingen. Die Idee dahinter heißt „Neustart“.

Udo Rau ist 62 Jahre alt und arbeitet als Schauspieler. Seit 17 Jahren lebt er in Tübingen und fühlt sich dort wohl. Er hat eine Wohnung im Französischen Viertel, einem Modellquartier, für das die Stadt Tübingen sogar eine Auszeichnung erhielt. Das Viertel gilt als „Vorzeigequartier“ mit einer Mischung aus Wohn- und Arbeitsbereichen und wenigen Autos, eine „Stadt der kurzen Wege“. Allerdings, so beobachtet Udo Rau, hat auch in diesem Viertel der Anstieg der Mieten Einzug gehalten. „Die Mieten waren für zehn Jahre gedeckelt, aber die sind nun längst vorbei“, erklärt er.

Lebenslanges Wohnrecht und eine starke Gemeinschaft

Die Genossenschaft „Neustart – solidarisch leben und wohnen“, in der auch Udo Rau Mitglied ist, will das mit ihrem Projekt anders machen. Sie träumt von einem Wohnviertel, in dem die Mieter*innen lebenslanges Wohnrecht genießen – ohne ständige Erhöhung der Mietpreise. Gemein- statt Privateigentum lautet die Devise. Alle gemeinsam statt jede*r für sich. Die Mitglieder haben sich dazu für ein unbebautes Areal in Tübingen beworben, auf dem sie ihren Traum verwirklichen möchten.

Eine Nachbarschaft für rund 500 Menschen soll entstehen, in der neben Wohnungen auch Gewerbe und gemeinsam genutzte Räume vorgesehen sind. Die Bewohner*innen übernehmen Verantwortung und konkrete Aufgaben innerhalb der Gemeinschaft – auf freiwilliger Basis und je nach Lebenssituation. So planen die Mitglieder der Genossenschaft beispielsweise eine Cafeteria, eine Bibliothek, eine Werkstatt und Geräteverleih oder Gemeinschaftsbüros. Auch Lebensmittelgeschäfte, Kindergärten, Pflege-WGs und sogar eine Poliklinik sind geplant. Die Bauweise der Häuser erfolgt ökologisch und nachhaltig.

Eine Nachbarschaft von rund 500 Menschen als optimale Größe

Es gehe darum, einen „enkeltauglichen Lebensstil für alle Menschen“ möglich zu machen, heißt es auf der Webseite der Genossenschaft. Das funktioniere am besten im beschriebenen Modell der „Nachbarschaft“, wie sie seit 2010 von der Initiative „Neustart Schweiz“ verbreitet wird. An ihr orientieren sich auch die Tübinger. Eine Nachbarschaft von rund 500 Menschen sei der Idee zufolge eine optimale Größe. Es entstünden weniger Konflikte als in kleineren Gruppen und dennoch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Durch die gemeinschaftliche Nutzung von beispielsweise Küchen oder Mediatheken rücken die Menschen näher zusammen. „Das Leben in solchen Nachbarschaften wird einfacher und lebendiger, was das Bedürfnis, für Einkauf, Vergnügen und Erholung an andere Orte zu fliehen, erheblich reduziert“, heißt es auf dem Webauftritt von „Neustart Schweiz“.

Den privaten Bereich verkleinern – der Umwelt und den Menschen zuliebe

Für viele würde eine solche Nachbarschaft eine komplette Umstellung ihrer bisherigen Gewohnheiten bedeuten. Man müsste seinen privaten Lebensbereich verkleinern, während man den gemeinschaftlichen vergrößert. Man würde manche Dinge für die Gemeinschaft anschaffen, statt jede*r nur für sich. Das täte nicht nur dem Planeten gut, sondern auch uns Menschen. „Der Mensch braucht Beziehungen zu anderen. Sie sind extrem wichtig, geben Sicherheit und einfach ein gutes Lebensgefühl“, glaubt Udo Rau. Er ist überzeugt, dass ihn das Leben in der Nachbarschaft bereichern würde. „Auch das Gefühl, mich bei verschiedensten Sachen betätigen zu können und gebraucht zu werden, ist wertvoll“, erklärt er weiter. In solch einer Gemeinschaft kann sich im Idealfall jede*r mit seinen eigenen Talenten und Fähigkeiten einbringen.

Solidarische Landwirtschaft liefert Gemüse

Eine weitere Besonderheit einer Neustart-Nachbarschaft ist, dass sie verbunden ist mit einer Landwirtschaft, die nicht weiter als 40 Kilometer entfernt liegt. Diese beliefert, vertraglich gesichert, die Nachbarschaft in der Stadt und hat somit sicheren Absatz. Die Stadtbewohner*innen wiederum profitieren von frischen, ökologisch und regional erzeugten Lebensmitteln und können bei Bedarf sogar selbst mitarbeiten. In Tübingen soll beispielsweise zusätzlich eine solidarische Landwirtschaft aufgebaut werden. „Das wäre dann wie ein Ökodorf – nur in der Stadt“, fasst Udo Rau zusammen.

„Wir bauen nicht für uns. Wir bauen für die, die es schwer haben.“

In der Schweiz gibt es schon einige dieser „Ökodörfer in der Stadt“. In Tübingen wird noch gebangt, ob die Genossenschaft den Zuschlag für das anvisierte Areal erhält. Immerhin hat der Gemeinderat die Fläche bereits für ein Gemeinschaftsprojekt vorgesehen. Udo Rau ist vorsichtig optimistisch. Was ihn am meisten an dem Projekt fasziniert, ist die Hingabe und das Engagement der ungefähr 70 aktiven Mitglieder der Genossenschaft. „Die Motivation, mitzumachen, war am Anfang der politische Aspekt. Dass es nicht nur um Wachstum gehen kann, ist mittlerweile klar. Aber wie man das dann lebt, ist die große Frage“, sagt er.

Nach und nach lernte er aber immer mehr das wertschätzende Miteinander und das leidenschaftliche Engagement der Beteiligten zu schätzen. Besonders, weil sie sich laut Udo Rau nicht (nur) für sich selbst einsetzen. Denn nur etwa die Hälfte der aktiven Genossen und Genossinnen würde in das Wohnprojekt auch einziehen. Die andere Hälfte will die Plätze lieber Menschen überlassen, die sich teure Mieten nicht leisten können. „Wir bauen nicht für uns, wir bauen für die, die es schwer haben“, fasst Udo Rau zusammen.

Es sind Ideali*innen, die das Projekt in Tübingen vorantreiben. Die hart dafür arbeiten, ihre Utopie Realität werden zu lassen. Udo Rau nennt es ein „Leuchtturmprojekt zur Rettung der Welt.“

Mehr über die Idee von Neustart erfahrt ihr hier.

Mehr zum Tübinger Projekt findet ihr hier.

 

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