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Kinder sollten verstärkt individualisiert lernen dürfen – entsprechend ihrer Arbeitsgeschwindigkeit, ihren Fähigkeiten und ihrer Lebenssituation, meint Diplom-Psychologe und Familientherapeut Dr. Hermann Scheuerer-Englisch.

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Interview: Isolde Hilt

Kinder und Jugendliche haben vor wenigen Tagen ihr Halbjahreszeugnis erhalten oder bekommen es noch. Und jedes Mal wieder stellt sich die Frage nach dem Sinn von Schulzeugnissen. Spiegeln sie tatsächlich das Potenzial und Leistungsvermögen wider? Können Schulnoten überhaupt objektiv sein? Nehmen sie nicht viel zu viel Gewicht im Leben junger Menschen ein und zwingen zu einem Lernverhalten, das für die Entwicklung nicht wirklich förderlich ist? Diplom-Psychologe und Familientherapeut Dr. Hermann Scheuerer-Englisch zeigt auf, was Kinder und Jugendliche tatsächlich brauchen, um Spaß am Lernen zu haben und sich gut zu entwickeln.

 

Erinnerst du dich noch an deine Schulnoten?

Ich war immer sehr neugierig auf mein Zeugnis, habe es mir mehrfach durchgelesen und mich dann immer an den guten Schulnoten „festgehalten“. So in etwa: „Na ja, in einem Fach oder zweien bin ich ja gut oder sogar sehr gut.“ Die ersten vier Schuljahre waren aber sehr schwer für mich, da ich als ein auf rechts ‚zwangsumgestellter‘ Linkshänder immer eine Fünf in Schönschrift hatte. Meine Eltern konnten das nicht verstehen, das hat mich sehr frustriert. Aber die Fünf habe ich dann ignoriert.

Ich bekam immer Zeugnisgeld von meinen Eltern – als Anerkennung meiner Anstrengungen insgesamt. Deshalb war das Zeugnis für mich positiv besetzt. Ich hatte auch nie Angst wegen einer schlechten Note, meine Eltern konnten das aushalten.

Das ständige Beurteilen und „Scheren über einen Kamm“ führt dazu, dass ein Kind mit Schwierigkeiten beim Lernen und im Verhalten immer wieder schlechte Noten erhält, selbst wenn es auf seinem persönlichen Lernweg durchaus Fortschritte macht.

Schulzeugnisse bewerten die Leistungen in den einzelnen Fächern sowie das Verhalten von Kindern. Hältst du das für sinnvoll?

Tatsächlich halte ich die Benotung von Leistungen in den Grundschuljahren nicht für sinnvoll. Das deutsche Notensystem ist in den meisten Regelschulen so gestaltet, dass mit allen Kindern in einer Klasse eine Leistungserhebung zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet und dann Noten von 1 bis 6 vergeben werden.

Die Kinder befinden sich aber in einem starken persönlichen Entwicklungsprozess. Es gibt zwischen Kindern des gleichen Jahrgangs aufgrund ihrer Lebenssituation und ihrer Möglichkeiten sehr große Unterschiede in der Leistungsfähigkeit und im Verhalten. Kinder sollten aber trotzdem den Spaß am Lernen behalten. Das ständige Beurteilen und „Scheren über einen Kamm“ führt dazu, dass ein Kind mit Schwierigkeiten beim Lernen und im Verhalten immer wieder schlechte Noten erhält, selbst wenn es auf seinem persönlichen Lernweg durchaus Fortschritte macht. Gemessen am Durchschnitt bekommt dann ca. ein Drittel der Kinder immer wieder schlechte Beurteilungen.

Viele dieser Kinder resignieren, verlieren die Lernfreude, wenden sich innerlich von der Schule ab und entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Der Kinderarzt Remo Largo hat die individuellen Unterschiede gleichaltriger Kinder eindrucksvoll beschrieben. Die Lehrerin Sabine Czerny hat in ihrem Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun“ dafür plädiert, die Benotung in der Grundschule zu beenden. Inzwischen gibt es immer mehr Schulen, die von der Benotung weggehen. 

Schulnoten schüren auch Konkurrenz und Leistungsdruck …

Kinder wollen sich ab dem Grundschulalter durchaus vergleichen und tun dies auch ohne Noten. Zum Beispiel, wer kann schneller laufen oder wer hat die „tollere Mama“. Noten verführen aber Kinder wie Erwachsene dazu, nur noch auf Ergebnisse zu schauen, nicht auf den Lernprozess oder die geleistete Anstrengung des Kindes selbst. Nicht selten engt sich die gesamte Wahrnehmung des Lebens auf die Noten und scheinbaren schulischen Probleme ein. Und da das Kind nicht selbst entscheiden kann, wann es sich einer „Prüfung“ über erreichte Fortschritte stellt, schüren Noten vor allem die Angst. Dies führt zu Blockaden. Und obwohl das Kind gelernt hat, erhält es doch wieder schlechte Noten. Die Zahlen über das Ausmaß von Schulangst – zum Beispiel beim LBS-Kinderbarometer – und über psychosomatische Belastungen durch die Schule in Erhebungen der Krankenkassen sind bedrückend.*.

Sollten wir da nicht umdenken?

Ja, wir sollten und müssen umdenken. Es geht vor allem darum, dass Kinder verstärkt individualisiert lernen dürfen, das heißt entsprechend ihrer Arbeitsgeschwindigkeit, ihren Fähigkeiten und ihrer Lebenssituation. Das bedeutet, dass zwar Leistungslevel definiert werden, die die Kinder anstreben, die sie erreichen wollen und sollen. Aber sie entscheiden mit, wann sie die Überprüfung ihres Levels – zum Beispiel ob sie die Stufe B in Mathematik schon erreicht haben – durchführen.

Diese Art des individualisierten Lernens nennt man „multi-grade/multi-level“-Learning. Es gibt international schon viele Schulen, die diese Form des Lernens praktizieren. In Europa und Deutschland sind die sogenannten „Schulen im Aufbruch“ Vorreiter von neuen Schulmodellen. Und auch die Montessori-Schulen kommen hervorragend ohne Noten aus. Lehrkräfte werden zu Lernbegleiter*innen selbstbestimmt lernender Kinder.

Das ist sozusagen die „Good News“: Es gibt schon viele überzeugende Alternativen zum herkömmlichen System. Und diese neuen Ansätze kommen viel besser damit zurecht, auch Kinder mit Handicaps und unterschiedlichen Lebenslagen, aber auch sehr unterschiedlichen Begabungen zusammen zu unterrichten, und so gegenseitigen Zusammenhalt und soziale Kompetenzen zu vermitteln. Leben und Lernen in solchen Schulen machen Spaß.

Beispiele für ungerechte, unfaire Bewertungen gibt es genügend. Zum Beispiel, wenn einen ein*e Lehrer*in nicht mag. Wehren kann man sich als junger Mensch dagegen kaum. Oder siehst du da Möglichkeiten?

Tatsächlich sind Schüler*innen zunächst einmal darauf angewiesen, dass Lehrkräfte sie korrekt und fair behandeln, da sie als die Jüngeren in einer komplexen Abhängigkeitsbeziehung zu den Lehrenden stehen. Neuere Studien zeigen, dass ein Drittel der Kinder in außerfamiliären Bildungseinrichtungen seelisch verletzend behandelt werden.

Es ist eine Daueraufgabe für die Schulentwicklung, dies zu ändern. Pädagog*innen müssen so ausgebildet werden, dass sie sich selbst hinterfragen und ihrem erzieherischen Auftrag gewaltfrei nachkommen. In den so genannten Reckahner Reflexionen verpflichten sich Lehrkräfte zum Beispiel, anerkennende Handlungsweisen zu stärken und verletzende zu reduzieren. Schulen, die sich außerdem den Zielen des „social emotional learnings“ verschrieben haben, sind ebenfalls viel weniger gefährdet.

Junge Menschen sollten vom Elternhaus, aber auch von den Schulen vermittelt bekommen, dass sie sich beschweren können und dürfen, wenn sie sich ungerecht oder verletzend behandelt fühlen. Die Beschwerdewege sollten bekannt sein. Die Vertrauenslehrkräfte, außerschulische Beratungseinrichtungen und vor allem die Eltern sollten hier mithelfen, dass sich das Kind oder der junge Mensch nicht ausgeliefert fühlt.

In der Familienberatung erlebe ich natürlich auch, dass sich manche Lehrkräfte in ihrem verletzenden Verhalten nicht ändern. Oder dass sich das Gefühl, dass mich die Lehrkraft nicht mag, nicht wirklich greifen und ändern lässt. Hier hilft aber der Rückhalt in der Familie, damit besser klarzukommen, sich innerlich eher davor zu schützen und dadurch letztlich auch soziale Kompetenz zu erlernen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass man andere Menschen manchmal nicht ändern, aber einen gelingenden Umgang damit entwickeln und sich selbst schützen kann.

Werden Mädchen und Jungs unterschiedlich bewertet? Mädchen haben die Jungs inzwischen bei schulischen Leistungen überholt. Sind sie tatsächlich besser?

Tatsächlich hat die neue PISA-Studie nachweisen können, dass Jungen beim Lesen und Schreiben schlechter abschneiden als Mädchen. Das ist übrigens schon seit Beginn der PISA-Erhebungen so. Ein leichter Vorsprung der Jungen in Mathematik ist noch vorhanden, aber auch in den Naturwissenschaften sind die Mädchen in Deutschland inzwischen an den Jungen vorbeigezogen.

Dies liegt nach Meinung der Fachleute aber nicht an Unterschieden in der Intelligenz, sondern in dem anderen Verhalten von Jungen, das immer weniger zum schulischen Lernen passt. Jungen werden nach der Studie von Erhebung zu Erhebung schlechter, Mädchen bleiben gut. Tatsächlich lesen Jungen weniger, sie tun sich sprachlich schwerer; das wiegt vor allem dann besonders schwer, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist. Für Jungen ist es eher cool, wenn sie in der Schule nicht so angepasst sind. Sie sind bewegungsfreudiger, „grobmotorischer“ und wenden weniger Zeit für Hausaufgaben auf. Sie würden mehr Begleitung und externe Motivationshilfe durch die Lehrkräfte benötigen. Und ihr Verhalten sollte nicht zu schnell als auffällig und problematisch etikettiert werden. 

In eurer Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern sind Schule, Noten, Leistungsdruck immer wieder ein Thema. Was bereitet besonders große Probleme?

In der Beratung von Familien mit Kindern in der Schule geht es vor allem um Sorgen, die sich Eltern wegen schlechter Leistungen oder eines Leistungsabfalls machen. Es geht aber auch um Belastungen von Kindern und Jugendlichen: Fühlen sie sich dem Stoff gewachsen? Fühlen sie sich von Lehrkräften und Gleichaltrigen gesehen und angemessen behandelt? Wie geht es Kindern und Jugendlichen mit ihren Gefühlen und Erlebnissen in Schule und Familie, wie fühlen sie sich von den Eltern unterstützt?

Es geht auch darum, wie sich Mütter und Väter in ihrer Elternaufgabe fühlen und wie sie ihr Kind gut unterstützen können.

Wie helft ihr da in der Beratung?

Wie blicken gemeinsam mit den Eltern und den Kindern auf die gesamte Lebenssituation der Familie: Was war vor der Schule? Welche Schulentscheidungen wurden getroffen? Welche Erfahrungen haben das Kind und die Eltern schon gemacht? Welche Stärken hat das Kind? Wie alt ist es? Wie geht es ihm mit Herausforderungen in seinem Leben? Welche Persönlichkeit hat es, welche Erwartungen an sich? Welche Erwartungen haben die Eltern? Wie passt das alles zusammen? Wo gibt es Konflikte, die belasten?

Berater*innen nennen das „Mentalisieren“, das heißt, wir reden mit allen in der Familie über ihre Erfahrungen und ihr Erleben und wie alles zusammenhängt. Und wie man verschiedene Problembereiche, die als „verwirrender Problem-Knubbel“ zusammenhängen, in einzelne, bewältigbare Herausforderungen auftrennen kann. Oder wie unbewusste Zusammenhänge und Familienregeln, die man so noch nicht gesehen hat, den Blick auf die Gesamtsituation eingeengt hatten.

Dabei nehmen wir den Familienmitgliedern nicht die Deutungshoheit über ihr Leben ab. Wir nehmen ihnen keine Entscheidungen ab. Wir begleiten sie dabei, neue Sichtweisen, neue Rollen, neue Verhaltensweisen zu entwickeln und eigene Entscheidungen zu treffen. Das setzt viele positive Energien frei, verbessert das Wissen der einzelnen übereinander, stärkt den Familienzusammenhalt und kann auch Spaß machen. 

Kinder spüren, was wir ihnen zutrauen und ob wir an ihrer guten Entwicklung interessiert sind.

Wie könnte man Kinder noch anspornen, ihr Potenzial abzurufen – außer über Notendruck?

Kinder spüren, was wir ihnen zutrauen und ob wir an ihrer guten Entwicklung interessiert sind. Sie spüren, ob wir ihnen zugestehen, dass sie noch Kinder sein dürfen. Das heißt, dass wir nicht erwarten, dass sie schon perfekt sind und so wie wir Erwachsene denken. Kinder merken genau, ob wir in Krisen die Erwachsenen bleiben und versuchen, mit ihnen Lösungen zu suchen und ihnen Sicherheit zu vermitteln. Kinder brauchen Freiräume und Spaß beim Lernen. Umgekehrt heißt das, Angst stört beim Lernen.

Fähigkeiten, die Kinder im Freizeitbereich und beim Spiel entwickeln, können in die Lernhaltung hineingeholt werden, wenn man Kinder freundlich dazu ermutigt. Kinder brauchen Eltern, die ihnen ein Vorbild in der Anstrengungsbereitschaft sind und die ihnen auch Freude an der Arbeit vermitteln. Und Kinder brauchen möglichst angstberuhigte Familien, denn wenn sie sich sicher fühlen, dann entwickeln sie selbst genug Ideen.

Wie sähe deine Lieblingsschule aus?

So wie bereits oben geschildert: keine Noten in einer sechsjährigen Grundschulzeit, in der die Kinder individualisiert lernen dürfen. So ist eine gute Entscheidung möglich, welchen weiteren Schultyp oder Abschluss ein Kind dann anstrebt. Das könnte sehr helfen, Angst und Druck aus den Familien zu nehmen. Es würde die Eltern in gutem Sinn entlasten und die Kinder neben dem Wissen vor allem in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern. 

Noch etwas, das dir wichtig ist?

Menschen, die geliebt werden, finden immer einen guten Weg für sich.

 

Weiterführende Informationen:

z. B. DAK, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/77981/Fast-jeder-zweite-Schueler-leidet-unter-Stress

Hier finden Eltern Hilfe, vertraulich und kostenfrei:

https://eltern.bke-beratung.de/views/home/index.html

Hier finden Jugendliche Hilfe, vertraulich und kostenfrei:

https://eltern.bke-beratung.de/views/home/index.html

Auf dieser Seite findet sich eine Übersicht zu allen Beratungsstellen in Deutschland, an die sich Eltern, aber auch Kinder und Jugendliche vertraulich und kostenfrei wenden können:

https://www.bke.de/virtual/ratsuchende/beratungsstellen.html?SID=025-5F7-23E-B9F

 

 

 

Zur Person

Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Diplompsychologe, Familientherapeut, verheiratet, zwei Kinder.

Berät seit 30 Jahren Familien, Kinder und Jugendliche zu allen Themen, die in der kindlichen Entwicklung, im Erleben und in Familienbeziehungen auftreten können.

War als Assistent am Lehrstuhl von Prof. Klaus Grossmann viele Jahre in der Bindungsforschung tätig, wendet sie in der Praxis der Familienberatung an und bildet junge Kolleg*innen fort.

 

 

 

 

 

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