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„SehNix“:
Marco Retzlaff ist blind – und repariert Computer

Trotz Studium mit Auszeichnung fand Retzlaff lange keine Arbeit. Dann kam ihm die Idee zu "SehNix", der Computer-Reparatur.

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von Florian Roithmeier

Marco Retzlaff von SehNix vor seinem Computer-Reparatur-Laden in Brandenburg
Marco Retzlaff von SehNix vor seinem Computer-Reparatur-Laden in Brandenburg

Marco Retzlaff hatte ich das erste Mal in einer Fernsehsendung gesehen. Und als ich hörte, was er macht, dachte ich mir: „Wow, wie funktioniert das?“

Retzlaff ist seit seinem zweiten Lebensjahr blind – und repariert Computer. Zunächst privat für Freunde, mittlerweile professionell mit eigenem Geschäft „SehNix® – Computer- und Beratungsservice“ in Senftenberg im südlichen Brandenburg.

Im Gespräch mit good news for you erzählt Marco Retzlaff, wie er als blinde Person dazu gekommen ist, Computer zu reparieren. „Ich war als Nichtsehender schon immer auf Computer fixiert. Schon im Studium war das wichtig, um zum Beispiel Bücher einzuscannen. Ich habe mich viel mit Computern beschäftigt.“ Retzlaff hat Informatik studiert und das Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Das liege auch daran, dass er sich nicht versteckt habe: „Ich habe viel mit Professoren gesprochen bezüglich Skripten, habe am Laptop mitgeschrieben, viel nachgefragt und konnte generell vieles gut im Gedächtnis abspeichern.“

Lange kein Job – aber auf einmal ging es schnell.

Obwohl Marco Retzlaff sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, fand er drei Jahre lang keine Arbeit. „Da war ich schon etwas enttäuscht. Es hat auch mein Gesellschaftsbild bestätigt, dass Menschen mit Beeinträchtigung eben doch nicht so gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Für mich war das insoweit blöd, als dass mein Tagesrhythmus verloren ging und ich keinen geregelten Alltag mehr hatte.“

Sein Bruder brachte ihn auf die Idee, privat die Computer von Freunden oder Bekannten zu reparieren. Und dann ging es ganz schnell: „Ich habe ein Gründerseminar besucht, bei dem noch genau ein Platz frei war. Dazu günstige Räumlichkeiten in Senftenberg, und schon konnte ich mein Geschäft SehNix aufmachen.“

Kund*innen sind neugierig.

Seine Kund*innen seien neugierig und fragten schon einmal, wie das überhaupt geht: als Blinder Computer reparieren. Besonders sei bei ihm, so Retzlaff, dass er immer Festpreise verlange: „Menschen glauben, dass blinde Menschen langsamer arbeiten. Ich nehme ihnen also die Angst vor etwas, was ohnehin nicht so ist.“ Und: „Bei mir muss man nur bezahlen, wenn das Problem mit dem Computer auch gelöst wird – also sozusagen eine Erfolgsgarantie!“

Ich frage Marco Retzlaff, ob er glaubt, er arbeite als blinde Person besser als eine sehende. „Ich glaube, das ist eher ein menschliches Ding. Vielleicht bin ich besser, weil ich mehr auf die Kund*innen eingehe. Das ist bei mir möglicherweise anders als zum Beispiel bei großen Elektronikketten.“

SehNix löst Soft- und Hardwareprobleme.

Zurück zum Anfang: Wie funktioniert das nun, als Blinde*r Computer zu reparieren? Retzlaff erklärt, wenn Kund*innen kommen, lässt er sich das Problem möglichst genau schildern. Indem er immer detailliertere Nachfragen stelle, taste er sich immer näher an das Problem heran. Auch seine anderen Sinne setze er ein: Klingt oder riecht der Computer komisch? Seine Grenze ist jedoch erreicht, wenn es um die Hauptplatine geht: „Mehr ins Detail kann ich nicht gehen.“

Und Softwareprobleme? Da hilft ihm in vielen Fällen die Sprachausgabefunktion des Computers weiter. Sie sorgt dafür, dass der Computer mit einem spricht. Und: Retzlaff hat einen vom Integrationsamt geförderten Arbeitsplatzassistenten, der ihm bei der Arbeit hilft. „Meine Arbeit muss schließlich auch effektiv sein.“

 

Mehr zu Marco Retzlaff und SehNix findest du unter www.sehnix.de.

 

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