Slow Family:
Ein Buch über die Macht der kleinen Schritte

Nicola Schmidt und Julia Dibbern präsentieren sieben Zutaten für ein einfaches Leben mit Kindern. Eine Buchempfehlung.

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Rezension von Kristin Frauenhoffer

Die Welt dreht sich gefühlt immer schneller. Unser Alltag wird hektischer und wenn dann noch (kleine) Kinder hinzukommen, kann man  angesichts der vielen kleinen und großen täglichen Aufgaben schnell überfordert sein. Ich persönlich sehne mich daher öfter nach mehr Zeit, weniger Stress und mehr Leichtigkeit und ich weiß, dass es vielen so geht. Und dann fiel mir vor kurzem ein Buch in die Hände, das „Slow Family“ heißt und sieben Zutaten für ein einfaches Familienleben verrät. Daran konnte ich nicht vorbeigehen … 

Erziehungsratgeber gibt es wie Sand am Meer. Und ich bin, ehrlich gesagt, auch kein Fan davon. Zu oft finden sich in solchen Ratgebern vermeindliche Patentrezepte oder Ratschläge, die „auf jeden Fall funktionieren“ und dann aber doch nicht das halten, was sie versprechen. Jedes Kind ist anders, jede Familie verschieden und überhaupt: Wie soll man denn im Umgang mit Menschen Patentrezepte entwickeln? Deswegen war ich zunächst auch skeptisch, als ich von den sieben Zutaten las. Ber der Lektüre allerdings wurde mir schnell klar, dass Slow Family zwar ein Erziehungsratgeber ist, aber ohne Rezepte. Man bekommt wirklich nur die Zutaten. Das „Gericht“ muss man dann ganz individuell herstellen – in der Mengenverteilung, wie sie für die eigene Familie passend ist.

 

Alles, was echt ist, ist willkommen

Die Zutaten im Einzelnen verrate ich hier nicht, aber soviel sei gesagt: Alle sollen dazu beitragen, das Familienleben langsam, achtsam und echt werden zu lassen. Langsam(er) und achtsam(er) zu werden, ist dabei noch einigermaßen verständlich. Mit „echt“ meinen die Autorinnen Nicola Schmidt und Julia Dibbern alles, was in direkter Interaktion mit der Natur, den Elementen oder den Menschen um uns herum passiert. Sie schreiben dazu: „Sieben Jahre iPad sind nicht genug, um der Evolution zu ermöglichen, alle notwendigen Gehirnverknüpfungen durch Bildschirmwischen zu knüpfen.“ Was amüsant klingt, ist eigentlich traurig, weil in der Realität viel zu viele Kinder viel zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Dabei seien für kleine Kinder direkte, echte Erfahrungen überlebenswichtig. Versucht man sich Erinnerungen aus seiner eigenen Kindheit ins Gedächtnis zu rufen, seien das auch fast immer „echte“ Erfahrungen, so die Autorinnen. Die wenigsten davon hätten mit Bibi Blocksberg zu tun.

 

Zeit als wichtigster Faktor für mehr Harmonie

Und warum eigentlich langsam? Weil ein hektischer, stressiger Alltag dazu führt, dass wir unsere Erziehungskompetenzen nicht ausschöpfen können, sagen Schmidt und Dibbern. Wer im Stress ist, kann nicht mehr empathisch und liebevoll sein. So stellen die beiden Autorinnen dann auch den Faktor „Zeit“ auf die unterste Ebene ihrer selbst erschaffenen Familien-Bedürfnispyramide. Wer Zeit hat oder sie sich bewusst nimmt, kann achtsam sein, reflektieren und mit sich und anderen in Kontakt treten. Für Nicola Schmidt ist so ein Leben „artgerecht“. Sie hat auch andere Bücher dazu verfasst und meint damit, Familien wieder näher an die Natur und damit an sich selbst heranzuführen. Ziel sollte sein, den Alltag von Familien zu verlangsamen, zu vereinfachen und stärker an den eigenen Werten auszurichten.

 

Den eigenen Nordstern finden

So beginnt auch „Slow Family“ damit, dass jede Familie schauen sollte, wo der eigene Nordstern liegt. Seine ganz persönlichen Werte und Prioriäten festzulegen und diesen dann zu folgen, sei immens wichtig für ein gelungenes Zusammenleben in der Familie und letztlich für die eigene Zufriedenheit. Wer weiß, wo er hinwill, kann sich auf den Weg machen. Schritt für Schritt. Das wiederum ist auch so eine Erkenntnis, die ich theoretisch weiß, aber immer wieder vergesse: Man muss nicht gleich alles umkrempeln und die Welt auf den Kopf stellen. Jede noch so kleine Veränderung ist wertvoll, und auch die kleinen Schritte haben viel Macht. Man muss eben nur anfangen.

 

Praxisnahe Beispiele und amüsante Anekdoten machen Spaß

Und wie man anfängt und diesem Nordstern näher kommt, das zeigen die zwei Autorinnen auf unterhaltsame Art und Weise. Gespickt mit vielen persönlichen Anekdoten aus ihrem eigenen Alltag haben sie ein Buch geschrieben, dass sich so leicht und gleichzeitig motivierend liest, dass man sofort anfangen möchte. Im zweiten Teil finden sich etliche praxisnahe Ideen und Beispiele, wie man das Familienleben achtsamer, langsamer und echter machen kann.

Von Machtumkehrspielen (in denen die Kinder die „Starken“ sind) bis hin zu der Aufforderung, einfach einmal den Bus zu verpassen, ist einiges dabei. Vieles davon hat damit zu tun, die eigene Sichtweise zu verändern und grundsätzlich eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln. Denn ganz ehrlich: Manche Dinge scheinen in unserer Wahrnehmung viel dramatischer als sie eigentlich sind. Die Welt geht nicht unter, wenn wir einen Termin verpassen, das Kind mit dreckigen Füßen ins Bett geht oder wir die Snacks für den Spielplatz vergessen. Schön finde ich auch den Tipp, die Kinder einfach mal in Ruhe zu lassen – jenseits von Bewertungen und Ehrgeiz.

 

Naturerfahrungen funktionieren auch in der Großstadt

Auch für die für Kinder wichtigen Naturerfahrungen haben die Autorinnen Tipps zusammengestellt. Und die funktionieren sogar in der Großstadt. Es muss nicht immer der aufwändige Ausflug in den Wald sein. Auch das aufmerksame Beobachten von Schmetterlingen und Blumen ist eine echte Naturerfahrung. Wenn man sich Zeit dafür nimmt und es zulässt, dass das Kind „trödelt“. Vielleicht kann man sich ja sogar dazu gesellen und sich wieder selbst verzaubern lassen. Mich persönlich entlasten solche Informationen sehr, weil ich meinem Kind keinen Wald direkt vor der Haustür bieten kann.

 

Der Mensch braucht die Gemeinschaft

Eine andere wichtige Erkenntnis aus dem Buch ist, dass wir Menschen neben Naturerfahrungen und Selbsterkenntnis die Gemeinschaft brauchen. Der Satz „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“ ist vielleicht abgedroschen. Aber wie wahr er ist, wird mir so oft schmerzlich bewusst. Gerade als Stadtbewohnerin habe ich dieses „Dorf“ nicht. Kann mein Kind nicht irgendwo guten Gewissens „abgeben“, um schnell die Einkäufe zu erledigen. Gehe nicht zur Nachbarstür und sage: „Übernimm du, ich kann nicht mehr“, wenn das Baby nicht aufhört zu schreien.

Aber warum sollte ich das nicht können? Schmidt und Dibbern plädieren in ihrem Buch unbedingt dafür, sich ein eigenes „Dorf“ aufzubauen. Egal, wo man wohnt. Menschen umgeben einen immer und es sei an uns, diese Gemeinschaft aufzubauen, empfehlen sie. Dafür haben sie auch allerlei praktische Tipps gesammelt. Manche davon sind so einfach umzusetzen, dass es fast schon peinlich ist, dass man das nicht längst tut: bewusstes Begrüßen beispielsweise oder auch den Nachbarn einfach anzulächeln. Andere Dinge wie kleine Geschenke oder das Fragen nach Hilfe brauchen vielleicht ein wenig Übung. Dafür wird man aber belohnt – mit einem starken Netzwerk, das entlastet.

 

Die Welt besser machen – das geht mit Slow Family

Das Buch ist voll mit Tipps und Ideen, von denen sich jede*r die herauspicken kann, die er oder sie benötigt, um das eigene Familienleben harmonischer zu gestalten. Schmidt und Dibbern gehen allerdings noch einen Schritt weiter und entpuppen sich in diesem Punkt als wahre Idealistinnen (was ich toll finde, denn ich bin auch eine). Sie schreiben: „Slow family zu leben bedeutet nicht weniger als die Rettung der Welt.“ Wir ziehen immerhin die Generation von morgen groß und das, was wir unseren Kindern mitgeben, werden sie leben. Kinder zu haben ist eben doch ein politisches Thema. In diesem Sinne: Lasst es uns gemeinsam anpacken und uns die Welt zum Guten verändern.

Das Buch ist im Beltz Verlag erschienen.

 

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