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Nicole Lindner betreibt eine Onlineplattform für feinfühlige Menschen, die nach persönlicher und beruflicher Entwicklung streben.

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von Kristin Frauenhoffer

Auf meinweg-deinweg.de unterstützt die Regensburger Sozialpädagogin „Zartbesaitete“, ein erfülltes Leben zu führen und ihren eigenen Weg zu gehen. Ihr Buch „Feinfühligkeit trifft auf Berufsleben. Wie Sie Beruf und Ihr Naturell in Einklang bringen können“ ist ein Mutmacher für alle feinfühligen Menschen. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

 

Sie sind feinfühlig oder auch „zartbesaitet“, wie Sie auf ihrem Blog schreiben. Was heißt das? Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Sie anders sind als andere?

Zartbesaitet zu sein bedeutet, eine dünnere Haut zu haben und aufgrund des sensibleren Nervensystems deutlich stressanfälliger zu sein als andere. Bei mir fiel das besonders im Berufsleben auf. Ad hoc-Situationen überforderten mich. Weiterhin hatte ich Probleme, mich abzugrenzen. Auch fielen mir Missstimmungen zwischen Kolleg*innen sofort auf oder aber ich grübelte mitunter tagelang über Begebenheiten, die für andere längst vergessen waren.
Irgendwann wurde ich krank und beschäftigte mich während des Genesungsprozesses intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung. In einem Buch beschrieb der Autor den Wesenszug der Hochsensibilität: eine Erleuchtung für mich, denn ich fühlte mich angesprochen. Das war der Startschuss für ein neues berufliches Dasein, von dem ich sagen kann, dass es mich von ganzem Herzen erfüllt.

Sie haben sich als Trainerin für biografisches Arbeiten selbstständig gemacht. Was kann man sich darunter vorstellen und welche Menschen kommen zu Ihnen?

Biografiearbeit bezieht sich auf die persönlichen Erfahrungen, Sichtweisen und Erlebnisse eines Menschen. Das hat viel mit Erinnern, Erzählen und Reflektieren zu tun. Es kann die Betroffenen darin unterstützen, sich selbst besser kennenzulernen, gut durchs Leben zu gehen und Lösungen für anfallende Probleme zu finden.
Ich wende Methoden der Biografiearbeit sowohl in der Seniorenarbeit (zum Beispiel in Form von Erinnerungsbüchern, biografischen Gesprächen usw.) als auch in der Arbeit mit Feinfühligen (zum Beispiel Selbstcoaching-Kurse Biografisches Schreiben, Erkenne dich selbst usw.) an. Die Menschen, die sich an mich wenden, fühlen sich häufig belastet und möchten gerne ihre Situation verbessern oder suchen nach Sinn.

Was unterscheidet feinfühlige Menschen von nicht-feinfühligen? Oder wie merke ich, dass ich feinfühlig bin?

Zunächst einmal: Es gibt nicht DEN oder DIE Feinfühlige*n. Jeder Mensch ist individuell, und auch die Feinfühligkeit macht sich auf unterschiedliche Art und Weise bemerkbar. Wenn ich aber schneller erschöpft bin als andere, länger brauche, um mich wieder zu regenerieren, gerne alleine bin, viel grüble und ein sehr mitfühlender, vielleicht sozial engagierter Mensch bin, habe ich gute Chancen, feinfühlig zu sein.
Feinfühlige nehmen Dinge und Begebenheiten einfach intensiver wahr und brauchen länger, um sie zu verarbeiten. Beispiel: Ein normal sensibler Menschen wird kein Problem damit haben, in einem Großraumbüro zu sitzen. Ein feinfühliger Mensch hingegen könnte sich bereits vom Rattern des Kopierers, dem Gespräch der Kolleg*innen, ständigen Telefonklingeln oder dem Surren der Klimaanlage beeinträchtigt fühlen.

Ist es nicht auch ein bisschen unsere schnelllebige Zeit, die uns empfindlicher macht? Oder anders gefragt: Gibt es heute mehr feinfühlige Menschen als früher?

Meiner Ansicht nach gibt es heute nicht mehr feinfühlige Menschen als früher, aber Stress und Arbeitsdruck im Berufsleben haben enorm zugenommen. Die vielen Burnout-Kranken in unseren Kliniken sprechen da eine sehr deutliche Sprache. Das „Höher – Schneller – Weiter“ ist für niemanden gesund, am wenigsten aber für Sensible, die alles noch intensiver empfinden und oft einen großen Perfektionsanspruch haben.

Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Sollte es das Ziel eines feinfühligen Menschen sein, sich einfach ein bisschen „abzuhärten“? Oder gibt es auch andere Wege, sich besser zurechtzufinden?

Abhärten im Sinne von „sich der Situation aussetzen“ mag in manchen Fällen die Lösung sein, in anderen wiederum nicht. Wenn ich zum Beispiel ein Mensch bin, der gerne mit Einzelpersonen arbeitet, werde ich wahrscheinlich immer Probleme haben, vor großen Gruppen zu stehen und charismatische Vorträge zu halten. Kommt das nur hin und wieder vor, ist es sicherlich gut zu bewältigen. Stellt es jedoch meine Haupttätigkeit dar, stehe ich ständig unter Strom und fühle mich überfordert. Das kann auf Dauer unglücklich oder im schlimmsten Fall sogar krank machen.

Meiner Erfahrung nach ist es beispielsweise vor dem Annehmen einer Tätigkeit immer gut zu klären, was zu meinem sensiblen Wesen passt. Beispielfragen: Was macht für mich Sinn? Wo will ich arbeiten? Mit wem will ich arbeiten? Wie und unter welchen Bedingungen will ich arbeiten? Hat man seine ganz persönlichen Antworten gefunden, kann man Ausschau nach dem passenden Job halten.

„Feinfühligkeit trifft auf Berufsleben“ ist der Titel Ihres neuen Buches. Was sind die besonderen Herausforderungen für Feinfühlige im Arbeitsalltag?

Nicole Lindner mit einem ihrer von ihr konzipierten Selbstcoachingkurse (Foto: Christoph Ackermann)

Feinfühlige Menschen sind wie Normalsensible häufig Rahmenbedingungen ausgesetzt wie Lärm, Arbeits- und Zeitdruck, mangelnden Pausen, Mobbing, die sie als belastend empfinden. Die besondere Herausforderung hier ist, einen Arbeitsalltag zu führen, der das Beste aus ihnen herausholt. Er sollte ihr Bedürfnis nach Wertschätzung, Sinn, Eigenverantwortung und Kreativität erfüllen, ohne zu überfordern.
In unserer heutigen Zeit ist dies jedoch nicht so einfach. Deswegen plädiere ich dafür, nicht die „perfekte“ Stelle zu suchen, sondern diejenige, die sich vom Grund her mit den eigenen Interessen deckt, jedoch auch Unperfektheiten wie etwa einen längeren Arbeitsweg zulässt. Dabei gilt immer die eigene Einschätzung: Womit komme ich im Arbeitsalltag klar und womit nicht? Was kann ich tun, damit meine Situation besser wird? Wer kann mir helfen?

Feinfühlig zu sein ist, in unserer Leistungsgesellschaft ja oft eine Schwäche. Was sind denn die Stärken von solchen Menschen, vor allem im beruflichen Leben?

Ruhige Menschen sind häufig verantwortungsbewusst und gute Denker*innen sowie Problemlöser*innen. Auch haben sie viele Interessen, lieben Kreativität und sind sehr gewissenhaft. Komplexe Inhalte durchblicken sie schnell und ordnen sie strukturiert. Weiterhin sind sie tiefgründig, rücksichtsvoll und taktvoll. Zartbesaitete können sehr gut zuhören und geben dem Gegenüber meistens das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Deswegen werden sie auch oft um Rat gefragt und helfen gerne. Das sind allesamt ganz wunderbare Fähigkeiten, die auch im beruflichen Leben sehr gut eingesetzt werden können und auf die Feinfühlige ruhig stolz sein dürfen!

Haben Sie ein paar Tipps, wie man den Berufsalltag besser meistert?

Ein paar Tipps für einen arbeitsreichen Tag:
1. Immer wieder Pausen machen. Das kann ein Mittagspausenspaziergang im Grünen, das Aufstehen und Arme kreisen lassen zwischendurch, das Lüften des Arbeitsraumes oder der Gang zur Kaffeemaschine sein.

2. Erholungspuffer zwischen Terminen planen. Nicht einen Termin nach dem anderen absolvieren, sondern dazwischen genauso Ruhezeiten wahrnehmen. Diese spenden wunderbar Kraft für den restlichen Tag.

3. Kein Multitasking, lieber einen Arbeitsgang nach dem anderen abschließen. Auch E-Mails besser zu bestimmten Zeiten summiert abfragen und nicht ständig im Hintergrund aufploppen lassen.

4. Zu Bitten auch mal „Nein“ sagen und Aufgaben an andere delegieren, sofern möglich.

Wenn ich feinfühlig bin und merke, ich habe Probleme im Alltag und fühle mich zum Beispiel nicht verstanden: Wie kann ich dem begegnen?

Zunächst sollte ich mir darüber im Klaren sein, was genau mich stört und dann versuchen, es zu verändern. Das kann zum Beispiel über Gespräche mit Chefs, Kolleg*innen, dem Betriebsrat usw. geschehen. Natürlich ist es auch möglich, eine Fortbildung zu absolvieren und dadurch vielleicht in eine Position zu rücken, die einem besser behagt. Weitere Optionen: die Arbeitszeiten verschieben, einen Teil der Arbeit ins Home Office auslagern oder die Arbeitszeit reduzieren – sofern das mit den eigenen Finanzen und dem Betriebsgeschehen vereinbar ist.

Wenn das alles nichts hilft und man dauerhaft leidet, empfehle ich einen Stellen- oder sogar Berufswechsel. Genauso sollte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, sich haupt- oder nebenberuflich selbstständig zu machen. Das ist für viele Feinfühlige eine gute Lösung, weil sie sich ihre Arbeitszeit dann oft frei einteilen können und es ihrer Kreativität und Freiheitsliebe entgegenkommt.
Optionen gibt es grundsätzlich viele, wichtig ist nur, nach ihnen Ausschau zu halten und dranzubleiben. Manchmal ist das leider eine Sache von Jahren, wie ich selbst festgestellt habe.

Sie unterstützen Menschen auf diesem Weg. Was sind Ihre Angebote? Wie läuft ein Coaching bei Ihnen ab?

Auf meinweg-deinweg.de finden meine Kund*innen eine Vielzahl von informativen Blogartikeln zu typischen Problemen und darüber hinaus Buch- und Filmtipps sowie hilfreiche Selbstcoaching-Kurse. Mein Buch „Feinfühligkeit trifft auf Berufsleben“ beschäftigt sich mit den Hauptproblemen sensibler Menschen im Berufsleben und bietet unterschiedliche Lösungen an. Da sollte für jede und jeden etwas dabei sein. Ein 1:1 Coaching biete ich nicht an. Meine Hilfe läuft autodidaktisch und setzt eine gute Selbstorganisation voraus, was übrigens den Wünschen und Interessen vieler Feinfühliger entgegenkommt.

Was sind die häufigsten Themen, die Ihnen immer wieder begegnen?

Ein großes Thema ist das Erkennen der eigenen Möglichkeiten und Grenzen sowie das Umsetzen im (Berufs-)Alltag. Sensible Menschen brauchen immer wieder Rückzugsmöglichkeiten, um ihren Alltag gut zu stemmen. Auch eine ausgewogene Work-Life-Balance ist wichtig. Das im heutigen Leben umzusetzen, ist eine große Aufgabe und erfordert Mut, Wege zu gehen, die vielleicht nicht dem Mainstream entsprechen.

Gibt es noch etwas, das Ihnen wichtig ist?

Mir ist wichtig zu sagen, dass feinfühlige Menschen sich nicht verstecken, sondern ihre Gaben bewusst da einsetzen sollten, wo sie gebraucht werden und sie selbst es als sinnvoll erachten. Hindernisse auf dem eigenen Weg werden dabei fast mit Sicherheit auftauchen. Jedoch sollten sie nicht der Grund sein, das größere Ziel – Erfüllung im Berufsleben zu finden – aufzugeben. Ich kann nur aus eigener langjähriger Erfahrung sagen: Dranbleiben, es lohnt sich!

 

Foto: Diana Krammel

Neben ihrer selbstständigen Tätigkeit ist Nicole Lindner als Sozialpädagogin in der Seniorenarbeit tätig. In ihrem Buch „Feinfühligkeit trifft auf Berufsleben. Wie Sie Beruf und Ihr Naturell in Einklang bringen können“ führt sie ihre Leser*innen Schritt für Schritt in ein erfüllendes Berufsleben.  

Foto: Dielus Verlag

Das Buch „Feinfühligkeit trifft auf Berufsleben“ gibt es seit kurzem hier zu kaufen!

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Interview ist urheberrechtlich geschützt.

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