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Wladimir Sliwjak ist der erste russische Umweltaktivist, der mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wird. Sein Engagement war nie so schwierig wie heute.

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von Oxana Bytschenko

Wladimir Sliwjak

Wladimir Sliwjak ist der erste Mensch aus Russland, der den Alternativen Nobelpreis erhält. Foto: Sliwjak

Als die Menschen in Deutschland gegen die Castor-Transporte in Gorleben und Gronau demonstrierten, war auch Wladimir Sliwjak unter ihnen. Der russische Aktivist setzt sich seit den 80er Jahren für Umweltschutz ein und hat enge Verbindungen zu Deutschland. Am 1. Dezember wird der 48-Jährige mit dem schwedischen Right Livelihood Award ausgezeichnet, auch bekannt als der Alternative Nobelpreis. Er ist der erste Russe, der diese Auszeichnung bekommt – auch weil er gegen mächtige Widerstände kämpft.

Als Wladimir Sliwjak die Organisation „Ecodefense!“ 1989 mitgründet, gilt in der damaligen UdSSR noch die Meinungsfreiheit, ein Aufbruch ist zu spüren. Doch dann folgen der Zerfall der Sowjetunion und die dunklen 90er Jahre, in denen viele Menschen im Ostblock ums Überlegen kämpfen mussten. Der Schutz der Umwelt tauchte auf der Prioritätenliste der Menschen nicht auf. Trotzdem machten Sliwjak und seine Mitstreiter*innen weiter. 1994 erreichten sie die Stilllegung eines Atomkraftwerkes vom Typ Tschernobyl in Litauen. „Ecodefence!“ hat auch Aktivisten in Südafrika unterstützt, um den Bau von russischen Atomkraftwerken zu verhindern. Es ist gelungen.

„Diese enormen Erfolge haben bewiesen, dass selbst im autoritären Russland zivilgesellschaftliche Initiativen staatlich unterstützten Projekten wirksam etwas entgegensetzen können“, heißt es auf der offiziellen Website des Right Livelihood Awards zur Arbeit von Wladimir Sliwjak. Er wird in Stockholm zusammen mit drei weiteren Aktivist*innen aus Kamerun, Kanada und Indien ausgezeichnet.

Vier Kandidaten erhalten die Auszeichnung. Foto: Right Livelihood Award

 

Umweltschutz vor Ort

Der 48-Jährige erinnert sich an die Anfänge: „Wir haben schon als Studierende beschlossen, uns mit Umweltfragen auseinanderzusetzen. Es gab eine riesige Menge von ökologischen Problemen, die den Menschen schadeten. Auf der anderen Seite haben wir auch gesehen, wie egal es der Regierung ist.“ Die Besonderheit von „Ecodefense!“ ist, dass sie bei Problemen in den russischen Regionen nicht versuchen, vom entfernten Moskau aus zu helfen. Sie fahren hin und suchen vor Ort nach Unterstützer*innen. So haben sie auch mehr Chancen, die Menschen von ihrem Vorhaben zu überzeugen. „Wir sind die einzigen in Russland, die sich etwa mit den Problemen durch den Kohleabbau beschäftigen. Dabei ist Kohle einer der schädlichsten und schmutzigsten Energieträger für die Umwelt. Wir müssen damit aufhören“, sagte Wladimir Sliwjak im Interview mit dem Portal „SeverRealii“.

Auf Youtube sieht man Videos, welche Folgen der Abbau für die Anwohner*innen im Kohlegebiet Kuzbass hat: Der Schnee im Winter ist schwarz, weil die Filteranlagen nicht funktionieren und die gesetzlichen Auflagen nicht eingehalten werden. Dort sterben doppelt so viele Menschen durch Atemwegserkrankungen wie im Rest des Landes. Sliwjak prangert an, dass die Behörden die Augen verschließen.

Schmutzige deutsch-russische Importe

Im vergangenen Jahr kamen jedoch 45 Prozent der deutschen Steinkohle- und Kokskohle-Importe aus Russland. Im Gegenzug schickt Deutschland Atombrennstäbe nach Russland. Wladimir Sliwjak war der erste, der auf die Gefahren des Transportes von abgereichertem Uran aufmerksam machte. Auch weil unklar ist, welche Folgen es für die empfindlichen Ökosysteme in der Taiga und Tundra haben könnte. Nach dem Reaktorunglück in Fukushima hat er die Ursachen in einem Buch analysiert und es auf russische AKW übertragen.

Ein paar Jahre später hat die russische Regierung den Druck auf NGOs und nicht-staatliche Medien erhöht. Seit 2014 ist „Ecodefense!“ als „ausländischer Agent“ eingestuft. Mit der veralteten Bezeichnung aus der Zeit des Kalten Krieges versucht man, Organisationen zu diffamieren, die teilweise aus dem Ausland finanziert werden. Sie müssen den Behörden regelmäßig Berichte über die Aktivitäten und Ausgaben vorlegen, werden aber auch mit strafrechtlichen Verfahren überzogen. Wladimir Sliwjak und seine Mitstreiter wurden auf diesem Weg für die Proteste gegen den AKW-Bau in seiner Heimatstadt Kaliningrad bestraft. Aber: Der Bau wurde gestoppt.

 

Sliwjak: „Zivilgesellschaft nicht erwünscht“

Beim Streik an der Urananreicherungsanlage in Gronau 2006 war Wladimir Sliwjak auch dabei. Die radioaktiven Abfälle wurden nach Russland transportiert. Foto: Sliwjak

Jedoch hat die russische Justiz fünf Strafverfahren gegen Alexandra Koroljowa, die Direktorin von „Ecodefence!“, eingeleitet. Da die Organisation die hohen Geldstrafen nicht zahlen konnte, drohte ihr Gefängnis. Sie musste Deutschland um Asyl bitten und lebt seitdem in der Bundesrepublik. „Die Macht will nicht, dass sich in Russland eine aktive Zivilgesellschaft etabliert, die etwas von ihr fordern würde. Die Zivilgesellschaft ist für die Macht der Feind – und diesen will sie zerstören“, sagt Wladimir Sliwjak.

Er macht trotzdem weiter, klagt gegen die Gerichtsentscheidung, auch wenn er bei der korrupten Justiz wenig Aussicht auf Erfolg hat. Durch den Alternativen Nobelpreis erhofft er sich mehr Aufmerksamkeit für die Öko-Aktivist*innen in Russland und ihre Schwierigkeiten. „Unter diesem politischen Druck ist es auch schwer geworden, kompetente Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu finden“, sagt Sliwjak. Die Menschen haben Angst. Aber solange in Kuzbass schwarzer Schnee vom Himmel fällt, macht er weiter. Auch weil „Ecodefense!“ in Russland bereits eine ganze Generation von Umweltschützer*innen und Aktivist*innen hervorgebracht hat. Seit 1995 absolvierten mehr als 10.000 Studierende die Bildungsprogramme der Organisation.

 

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