Jessica Walsh und Timothy Goodman entwickelten und testeten ein Programm, mit dem sie zu freundlicheren und einfühlsameren Menschen werden wollten. Ein Programm, das zum Selbstversuch reizt.

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Illustration: Astrid Riege

Sie empfanden sich als sehr auf sich selbst bezogen. Sie beschäftigten sich – wie sie selbst sagen – überwiegend mit sich allein und kaum mit dem, was um sie herum geschah: Jessica Walsh, Grafikdesignerin und Art-Director der renommierten New Yorker Agentur SAGMEISTER & WALSH, und Timothy Goodman, Grafikdesigner und Illustrator mit eigenem Studio in New York, wollten das an sich ändern. Freundlicher, einfühlsamer werden – wie könnte das funktionieren?

 

Warum ist es manchmal so schwer, freundlich zu sein?

Jessie und Tim stellten fest, dass Aufmerksamkeit und Freundlichkeit Eigenschaften sind, die wir teilen können. Das kostet nichts, fühlt sich großartig an und liegt in unseren Händen. Warum aber, so fragten sich die beiden, ist es manchmal so schwer, freundlich zu sein? Wie schaffen wir es, weniger über andere oder auch über uns selbst zu urteilen?

Wir neigen dazu, nur das zu sehen oder zu hören, was wir sehen und hören wollen. Wir umgeben uns mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen und in etwa die gleiche Meinung haben wie wir. Unzählige wissenschaftliche Studien, Zeitungsberichte, religiöse Texte, Selbsthilfebücher versuchen, aus uns bessere, freundlichere Menschen zu machen. Wie oft schaffen wir es hingegen tatsächlich, diese Ratschläge in die Praxis umzusetzen?

 

Behandle andere so wie auch du gerne behandelt werden möchtest.

Tipps wie „Behandle andere so wie auch du behandelt werden möchtest“ oder „Urteile nicht über andere, solange du nicht in deren Schuhen gelaufen bist“ hören sich doch eigentlich vernünftig an. Die beiden jungen New Yorker aus der Kreativbranche beschlossen vor zwei Jahren, genau das einmal wörtlich zu nehmen und in ihr Leben zu übertragen. Mit Hilfe eines 12-Schritte-Programms, das Verhaltensweisen ändern soll, entwickelten sie ein 12-Schritte-Experiment, das sie über einen Zeitraum von 12 Monaten an sich selbst testeten. Jessica Walsh und Timothy Goodman wollten sich ihrer eigenen Apathie und Ich-Bezogenheit stellen, ihren Blick, ihr Herz und ihr Denken weiten, um aufmerksamere und einfühlsamere Menschen zu werden. Ihre Erfahrungen haben sie auf der Kampagnenseite http://12kindsofkindness.com/ veröffentlicht und damit eine rege Diskussion ausgelöst.

 

Hier sind die 12 Schritte von Jessica und Tim

 

01        Wie kann ich dir helfen?

Können wir mehr Einfühlungsvermögen entwickeln oder eine andere Perspektive einnehmen, wenn wir einfach einmal mit fremden Menschen bewusst Kontakt aufnehmen?

Jessie hatte zum Beispiel an sich festgestellt, dass sie normalerweise ins Büro hastet, dabei ihre E-Mails und Social-Media-Nachrichten checkt, nach der Arbeit mit ihrem Mann essen geht, sich bei überteuerten Cocktails entspannt und vor dem Zubettgehen auf Netflix das guckt, was in ihr Weltbild passt.

Aus dieser eigenen engen Welt wollten sie und Tim heraus und in andere eintauchen. Sie stellten New Yorkern die einfache Frage: „Können wir dir helfen?“

 

02        Öffne deine Augen, nimm bewusst wahr.

Der Zuschau-Effekt ist ein Phänomen, das wir alle sehr gut kennen. Etwas ist passiert und die meisten gucken zu, ohne zu handeln.

„Wir hängten überall in New York Vermisstenanzeigen von uns selbst auf und setzten uns einen Tag lang direkt daneben. Keine Reaktion. Was würde passieren, wenn wir einen Hund als vermisst melden?“

 

03        Verändere etwas

Es gibt immer Menschen, die uns nicht passen. Oder es gibt Situationen, denen wir – nicht selten aufgrund unserer Selbstsucht – aus dem Weg zu gehen versuchen. Was wäre, wenn wir in der Haut dieser Menschen steckten? Könnten wir dann in Zukunft freundlicher zu ihnen sein?

Jessie und Tim versetzten sich in die Rolle eines Telefonverkäufers sowie in Menschen, die auf der Straße für eine gute Sache werben. Knochenjobs mit Reaktionen, die man erst einmal aushalten muss…

 

04        Mach‘ dich nicht selbst fertig!

Wir machen uns alle wegen Begebenheiten aus der Vergangenheit – und wie wir damit umgegangen sind – fertig.

Tim setzte sich zum Beispiel mit seiner Art, Beziehungen zu Frauen führen, auseinander.

Jessie und Tim versuchten, sich selbst zu vergeben, indem sie sich ihren Erfahrungen und den damit verbundenen, unangenehmen Gefühlen stellten und sie nicht länger wegdrückten.

 

05        Verzeihen und vergessen

Wir treffen jemanden, der uns in der Vergangenheit verletzt hat. Können wir den Schmerz oder das Missverständnis, das wir mit ihm oder ihr verbinden, hinter uns lassen? Können wir in irgendeiner Form Mitgefühl entwickeln, indem wir uns damit auseinandersetzen?

 

06        Stell dich deinen Ängsten

Jede*r von uns hat seine eigenen Ängste und Unsicherheiten. Oft verstecken wir uns dahinter, indem wir andere be- und verurteilen.

Tim und Jessi stellten sich jeweils einem persönlichen Problem, das sie ihnen am meisten zusetzte.

Für Jessie, Anfang 30, war es die Frage nach dem „Kinder bekommen“. Das Ticken der „biologischen Uhr“ – gepaart mit dem Anspruch, unbedingt die beste Mutter der Welt sein zu müssen – ließ sie andere Eltern und deren „Unzulänglichkeiten“ leicht verurteilen.

 

07        Nimm anderen mit Gutherzigkeit den Wind aus den Segeln

Es heißt, die ultimative oder wirksamste Form von Barmherzigkeit ist, seine Feinde lieben zu lernen.

„Wir versuchten, jemanden, der uns nicht liegt, besser zu verstehen, indem wir etwas Nettes für ihn taten.“

 

08        Laufe eine Meile in den Schuhen anderer

Es ist einfach, einen Lebensstil zu verurteilen, den wir nicht mögen oder den wir nicht verstehen.

Tim und Jessie tauchten in die Welten von anderen Menschen ein, um so mehr über sie und deren Lebensauffassung zu lernen. Timothy etwa wuchs in einem „wirklich liberalen Elternhaus“ auf, wie er sagt. Er musste lange überlegen, gegen welche Lebensweise er Vorbehalte hatte. Bei ihm war es die Welt der Fitnessstudios: Worin liegt der Sinn, ein „Muskelprotz“ zu sein?

 

09        Ganz oder gar nicht

Warum scheinen wir immer die Menschen zu vernachlässigen, die uns am nächsten stehen?

„Wir suchten uns einen Menschen in unserem Leben aus, den wir laufend vernachlässigen und taten etwas Gutes für ihn.“

 

10        Tue jemand anderem etwas Gutes

„Wir deponierten überall in New York gefüllte Geldbörsen mit der Nachricht, doch etwas Gutes damit zu tun. Wir führten außerdem spontane Gefälligkeiten auf den Straßen durch.“

 

11        Lächle

„Acht Stunden lang gingen wir durch New York und lachten jede*n an, der uns über den Weg lief. Könnten wir sie zu einem Lächeln bringen, ihnen einen glücklichen Moment in ihrem Leben bescheren?“

 

12        Gehe in dich

„Für diesen letzten Schritt gingen wir in uns, um uns klar zu machen, was wir gelernt hatten und um zu versuchen, über uns hinauszuwachsen. Dazu eröffneten wir eine Plattform, um einen Dialog zu starten.“

 

 

Habt Ihr Lust, den einen oder anderen Schritt (oder auch mehrere) selbst auszuprobieren?

Teilt uns bitte eure Erfahrungen mit! Wir sind gespannt und freuen uns auf den Austausch mit euch!

 

zusammengestellt von Isolde Hilt • Illustrationen: Astrid Riege • Übersetzungen aus dem Englischen: Birgit Hilt

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

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Passend zum Thema:

Die Kampagne „smile for a better world“

 

Was lässt uns im Leben gesund und glücklich sein?

Ein Lächeln schafft Zugang zum Herzen

 

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