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Zuerst eine sichere Wohnung, dann alles andere - das ist das Modell von "Housing First", das europaweit erfolgreich läuft.

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von Florian Roithmeier

Wie führt man obdachlose Menschen am effektivsten in ein geregeltes, selbstbestimmtes Leben zurück? Eine Antwort auf diese Frage könnte das Konzept „Housing First“ sein. In den späten 90er Jahren in Amerika entwickelt, arbeiten immer mehr europäische Länder – vor allem Finnland – mit dem Konzept. Auch in Deutschland setzen einige Städte auf „Housing First“.

Was bedeutet „Housing First“?

Housing First bedeutet, wie der Name bereits vermuten lässt, „Housing“ – also „Wohnen“ – zuerst.

Üblicherweise wird in der Obdachlosenhilfe mit Stufenplänen oder einem „Leiter-System“ gearbeitet. Das bedeutet: Obdachlose müssen sich von ganz unten „hocharbeiten“, bis am Schluss die eigene Wohnung wartet. Betroffene müssen beispielsweise erst ihre Alkoholabhängigkeit in den Griff bekommen und dann beweisen, dass sie selbstständig genug sind, bevor sie eine Wohnung bekommen. Die Gefahr dabei ist, dass es diese Menschen nicht schaffen, ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Bildlich gesprochen: Sie rutschen auf der Leiter ab und müssen wieder ganz unten anfangen.

Housing First macht es andersrum. Der Ansatz ist: Wohnen ist ein Menschenrecht. Daher müsse eine Wohnung das erste sein, was Obdachlose bekommen, alles andere kommt danach. Denn wer in einer Wohnung lebe und Gewissheit darüber habe, sie nicht zu verlieren, könne sich auch besser um seine anderen Angelegenheiten kümmern.

Wer kann das Angebot nutzen?

Exemplarisch für Berlin, wo „Housing First“ ein Modellprojekt der Berliner Stadtmission und der Neue Chance gGmbH ist: Dort sollen innerhalb von drei Jahren mindestens 40 obdachlose Menschen eine Wohnung mit eigenem Mietvertrag erhalten.

Das klingt bei mehreren tausend Obdachlosen nach wenig. Allerdings richtet sich das Modell vor allem an Härtefalle. Das sind zum Beispiel Menschen, die seit vielen Jahren auf der Straße leben und drogensüchtig sind. Der oder die Bewerber*in muss Anspruch auf Sozialleistungen haben, um die Miete bezahlen zu können. Auch wer bereits in einem betreuten Wohnen Unterstützung bekommt, scheidet für das Housing-First-Modell (zumindest in Berlin) aus.

Das Angebot ist erstaunlich offen: Die Mietverträge gelten ohne Bedingung, Hilfsangebote sind freiwillig und können, müssen von den Obdachlosen aber nicht in Anspruch genommen werden. Auch darf der soziale Träger des Projekts nicht Vermieter sein: Damit soll sichergestellt sein, dass die Miete nicht davon abhängt, ob und wie oft die Menschen Hilfsangebote annehmen. Die von den Träger*innen vermieteten Wohnungen kommen unter anderem von städtischen Bauunternehmen, Genossenschaften und privaten Vermieter*innen.

Ein Konzept mit Erfolg

Der internationale Erfolg gibt dem Konzept recht: Wissenschaftliche Arbeiten ergaben, dass mit Housing First Obdachlosigkeit langfristig besser bekämpft werden kann. Eine von der EU-Kommission finanzierte Studie zeigte 2013 anhand der Städte Amsterdam, Glasgow, Kopenhagen und Lissabon: In 80 und teilweise über 90 Prozent aller Fälle konnten Obdachlose auf Dauer in ihren gemieteten Wohnungen bleiben.

Mehr zum Projekt findest du auch in diesem deutschsprachigen Guide des Netzwerks „Housing First Europe“.

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

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2 Responses

  1. Peter

    Einen beheizbaren trockenen Raum brauchen die und Sanitäranlagen. Wohnung ist für viele Obdachlose einfach unrealistisch. Ist zuviel Organisationsaufwand, die bekommen das nicht geregelt mit Aufräumen, Instandhaltung, Vertragsverhältnis etc.

    Ich denke eine Anlage ähnlich einem Gefängnis (ohne die einzusperren natürlich) würde mehr Sinn machen. So geflieste Zellen wo man mit nem Hochdruckreiniger durchgehen kann. Trocken, Warm, Privatsphäre, sicher.

    Mit irgendwelchen Mietverträgen und so braucht man denen nicht kommen, das muss komplett unbürokratisch sein.

    Antworten
    • Florian Roithmeier

      Guten Tag Peter,

      vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Wir lesen aus ihm heraus, dass Sie in diesem Bereich bereits weitergehende Erfahrungen gemacht bzw. Kenntnisse haben. Lassen Sie uns das gerne wissen, gerne auch über unser Kontaktformular. Über einen Austausch freuen wir uns.

      Mit freundlichen Grüßen,

      Florian / Redaktion good news for you

      Antworten

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