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Der Verein „Radeln ohne Alter“ bringt Radfahrer*innen und Senior*innen zusammen, um in Rikschas der Einsamkeit zu entgehen.

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von Oxana Bytschenko

Senior*innen und Radfahrer*innen beim "Radeln ohne Alter"

„Radeln ohne Alter“: Jede Rikscha hat zwei Sitzplätze, damit man sich unterhalten kann. Foto: Radeln ohne Alter e. V.

Manchmal braucht es nur ein paar Räder, kräftige Waden und den Willen, etwas zu verändern. So entstand auch der Weltverband „Cycling Without Age“ und sein deutscher Verein „Radeln ohne Alter“. In weniger als zehn Jahren breitete sich die Bewegung in 51 Länder aus – und alles nur, weil ein Mann jeden Tag an einem Senior vorbeiradelte.

2012 fuhr Ole Kassow jeden Morgen in Kopenhagen zur Arbeit und sah einen älteren Mann auf einer Parkbank. Neben dem Senior stand ein Rollator. „Er war wohl gern draußen, weil er so braun im Gesicht war und dort gerne ausgiebig Zeitung las“, erzählt Kassow in seinem TedX-Talk. Für ihn war klar: „Der Mann muss doch früher auch oft Rad gefahren sein.“ Denn auf alten schwarz-weiß Fotos hat er „Invasionen von Radfahrern“ in Kopenhagen gesehen, die nach dem Krieg jeden Morgen 20 bis 25 Kilometer zur Arbeit gefahren sind. Radfahren war Standard. Später machte das Auto das Rennen.

Zwei Sitzplätze und viele Geschichten

Zwei Omas lachen beim Radeln ohne Alter e.V.

Bei den Fahrten an vertraute Orte werden Erinnerungen wach. Foto: Radeln ohne Alter e.V.

Aus der Überlegung heraus, wie er den Senior wieder aufs Rad bekommen könnte, entstand sein Verein: Ehrenamtliche Rikscha-Fahrer*innen unternehmen Ausflüge mit den Bewohner*innen von Seniorenheimen und anderen Menschen, die nicht mehr selbst in die Pedale treten können. Ole Kassow geht es dabei um das „Recht auf den Wind in den Haaren“, das auch Menschen mit 70, 80 oder 100 Jahren haben.

Bei den Fahrten entgehen sie der Einsamkeit. Denn jede Rikscha hat – neben dem Fahrer*innensitz – zwei Sitzplätze, so kann man sich unterwegs unterhalten. Dabei können Freundschaften – oder auch Liebschaften – entstehen, denn die Passagiere und Fahrer*innen teilen Lebensgeschichten miteinander.

Für die Senior*innen sind die Ausflüge eine willkommene Abwechslung, um aus dem Heim herauszukommen, etwas Neues zu erleben. Außerdem kann sich jeder ältere Mensch ans Radfahren im Kindesalter erinnern. So entstehen schnell Gespräche – auch mit Demenzpatient*innen.

Ein Gewinn fürs ganze Seniorenheim

Die Wirkung von „Radeln ohne Alter“ wurde sogar wissenschaftlich untersucht. Dr. Ursula Maria Esser vom Institut für Bildung Entwicklung und Beratung (BEB) in Bonn bestätigte einen „unglaublichen Zugewinn an Mobilität“. Die Menschen seien an alte Orte gekommen, an denen Erinnerungen wach geworden seien. „Die meisten Passagiere sprechen noch Wochen von ihren Erlebnissen“, sagt sie. Nicht zuletzt motiviere es die Pflegekräfte, wenn sie die Bewohner*innen freudig und begeistert sehen. „Das wirkt sich auch auf die gesamte Stimmung im Seniorenheim aus“, sagt Esser.

Ole Kassow und der Senior

Ole Kassow startete den Verein in Kopenhagen. Inzwischen gibt es ihn in 51 Ländern. Foto: Cycling Without Age

Auch die Fahrer*innen profitierten: „Sie verlieren Berührungsängste mit der Generation älterer Menschen.“ Auch Ole Kassow lernte dabei, was Älterwerden konkret bedeutet: „Dabei verliert man Menschen, die unsere Geschichte bestätigen können. Könnt ihr es euch vorstellen, wie es ist, wenn niemand da ist, der eure Erfahrungen teilt? Niemanden zu haben, mit dem man lachen oder weinen kann?“

Auch die Mobilität schwindet und verstärkt diesen Effekt. Von vielen Menschen hörte er, wie sehr sie es bedauern, das Radfahren im Alter aufgeben zu müssen. Sie fühlten sich zu unsicher im Sattel. Aber sie vermissen die Freiheit, die das Radfahren mit sich bringt.

Seit 2012 sind mehr als zwei Millionen Menschen mit den Rikschas gefahren. Die älteste Mitfahrerin war 108 – und der älteste Fahrer am E-Bike 90 Jahre alt. Nach Deutschland schwappte die Bewegung im Jahr 2015. Seit vergangenem Jahr unterstützt der gemeinnützige Dachverband „Radeln ohne Alter“ neue Standorte bei der Gründung, wie etwa beim Kauf der 6.000 bis 10.000 Euro teuren Rikschas. Auch der Schauspieler Hape Kerkerling steht hinter „Radeln ohne Alter“.

Zeit für Lebensgeschichten

Ole Kassow erzählt in seinem TedX-Talk von seiner ersten Fahrt mit der Rikscha: Gertrude, eine Seniorin, wollte zum Hafen von Kopenhagen. Sie erinnerte sich an die Gerüche, das Möwengeschrei und die Zeit, als sie mit ihrem Mann und Kindern dort gelebt hatte. „Nach einer Stunde Fahrt fühlte ich eine starke Verbindung zu Gertrude“, sagt Kassow. Am nächsten Tag hat er einen Anruf vom Seniorenheim bekommen. Die Leitung wollte wissen, was er mit Gertrude gemacht habe. „Denn jetzt wollten die anderen Bewohner auch mitfahren!“, erzählt er. „Und mir haben diese Fahrten Seiten meiner Stadt gezeigt, die ich niemals gesehen hätte“, sagt er.

Zwei Omas beim Kaffee trinken

Die Wirkung der Initiative wurde sogar wissenschaftlich untersucht. Die Ausflüge wirken sich auf alle Beteiligten positiv aus. Foto: Radeln ohne Alter e.V.

Seitdem gibt er zusammen mit anderen Mitstreiter*innen älteren Menschen ein Stück ihrer Mobilität zurück. Sie unternahmen mehrtägige Touren, zum Beispiel nach Hamburg. „Die Teilnehmer sagten, dass sie keinen besseren Urlaub hatten und dass sie sich wieder lebendig fühlten“, erzählt er. Manche von ihnen brauchten keine Schlafmedikamente mehr.

Manchmal braucht es doch nur ein paar Räder, kräftige Waden und den Willen, etwas zu verändern.

Hier kann man die Initiative unterstützen. Auf der Mitmachseite kann man neue Standorte hinzufügen.

 

Herzlichen Dank an Thomas Koenen von beCAUSE-wir.tun.was., der uns auf diesen großartigen Verein aufmerksam gemacht hat!

 

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

 

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