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Tobias Polsfuß setzt sich mit dem Verein "Bündnis für inklusives Wohnen" für eine bessere Wohnsituation von Menschen mit Behinderung ein.

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von Kristin Frauenhoffer

Fragt man im Freundes- und Bekanntenkreis herum, wo und wie Menschen mit Behinderung heute wohnen, antworten die meisten: im Heim oder zu Hause bei den Eltern. Dass Menschen, die im Alltag Hilfe brauchen, auch in inklusiven WGs selbstbestimmt leben können, wissen die wenigsten. Tobias Polsfuß wusste es auch nicht, bis er 2013 zum Studium nach München kam und – wie viele Studienanfänger*innen – ein WG-Zimmer suchte. Die Suche schien ziemlich aussichtslos, bis ihn eine Freundin darauf aufmerksam machte, dass der Verein „Gemeinsam Leben Lernen e. V.“ Zimmer in inklusiven Wohngemeinschaften anbietet. Dort leben Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Tobias zog in die WG im Stadtbezirk Am Hart ein und schon kam der Stein ins Rollen.

Wie WOHN:SINN entstand

Manche Erfahrungen im Leben prägen uns nachhaltig. Und aus manchen entsteht eine Idee, die groß werden kann. So erging es auch Tobias. Denn nachdem der Student drei Jahre in seiner inklusiven WG gelebt hatte, entstand in ihm der Wunsch, diese Wohnform bekannter zu machen. Er gründete 2016 die Onlineplattform WOHN:SINN, auf der sich Interessierte über das Leben in einer inklusiven WG informieren, sich vernetzen oder in einer Wohnungsbörse neue Mitbewohner*innen oder Platz in einer WG finden können.

Das Angebot auf der Webseite ist vielfältig und mittlerweile über ganz Deutschland verteilt. Der wichtigste Teil der Arbeit aber – das merkte Tobias schnell – ist die Aufklärungsarbeit. „Ich bekam viele positive Rückmeldungen, aber die meisten, denen ich von meiner WG erzählte, kannten das Konzept gar nicht“, berichtet der WOHN:SINN-Gründer.

Eine normale WG – nur strukturierter

Tobias Polsfuß, Gründer von WOHN:SINN

Dabei ist das Prinzip einfach und liegt nahe: Die Bewohner*innen unterstützen sich gegenseitig. Statt Miete zu zahlen, leisten die Mitbewohner*innen ohne Behinderung jede Woche einen Dienst. Das bedeutet, dass sie ihre behinderten Mitbewohner*innen zum Beispiel zu Terminen begleiten, ihnen bei der Körperpflege oder Freizeitgestaltung helfen. Im Gegenzug erhalten sie ganz neue und oft überraschende Einblicke in das Leben von Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen.

„In vielen alltäglichen Momenten spielen die Behinderungen gar keine Rolle“, sagt Tobias. Das sei das Schönste am gemeinsamen Wohnen: Alle leben selbstbestimmt und auf Augenhöhe zusammen. In vielerlei Hinsicht ist es eine WG wie jede andere. Es wird gelacht, diskutiert, sich gegenseitig geärgert und gestritten – aber der Alltag ist viel strukturierter. Das muss er sein, denn die Bewohner*innen mit Behinderung brauchen tägliche Unterstützung. Allerdings fernab von stationären Einrichtungen und Abhängigkeiten von Eltern oder Betreuungspersonal.

Aus einer privaten Initiative wird ein deutschlandweites Bündnis

„Wohnen ist ein Menschenrecht“, erklärt Tobias Polsfuß. Deshalb sollte jeder Mensch, egal ob er eine Behinderung hat oder nicht, frei wählen dürfen, mit wem, wo und wie er oder sie lebt. Das ist die Vision von WOHN:SINN. Schnell fand Tobias Mitstreiter*innen für seine Idee.

Heute, drei Jahre später, ist das als private Initiative gestartete Projekt ein deutschlandweites Bündnis mit vielen Partnern aus dem Themenbereich Inklusion. 2017 wurde es von Facebook und der Stiftung Digitale Chancen mit dem Smart Hero Award ausgezeichnet. Seit Mai 2019 ist das Projekt ein eingetragener Verein, nämlich „WOHN:SINN – Bündnis für inklusives Wohnen e. V.“. Das bedeutet, man kann Mitglied werden und so die Arbeit des Vereins unterstützen.

„Unser Ziel ist es jetzt, hauptamtliche Strukturen aufzubauen“, sagt Tobias. Er möchte den Rückenwind nutzen und möglichst vielen Menschen zeigen, dass eine so genannte Behinderung kein Hindernis für selbstbestimmtes Wohnen ist. Dafür fährt er durch ganz Deutschland, hält Vorträge und Workshops, spricht mit verschiedenen Akteuren, kurz: betreibt Lobbyarbeit. Als sympathischer Botschafter bietet er Menschen eine Plattform, die auch in unserer heutigen liberalen Zeit noch viel zu oft am Rand der Gesellschaft leben.

Gemeinschaftliches Leben, wie es sein sollte

In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 7,8 Millionen Schwerbehinderte. Aber warum sieht man sie so selten in der Öffentlichkeit? Es entsteht der Eindruck, sie würden nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Vereine wie WOHN:SINN können das ändern. Durchstöbert man die Homepage des Vereins, merkt man, dass die Unterscheidung zwischen behindert und nicht-behindert in den Wohngemeinschaften kaum noch gemacht wird. Jeder wird mit der gleichen Wärme und dem gleichen Respekt behandelt. Das liest man vor allem aus den zahlreichen Blogbeiträgen heraus, die sowohl die Mitbewohner*innen mit als auch ohne Behinderung schreiben. Mehr noch: Statt eine reine Zweck-WG zu sein, entstehen – wie im Fall von Tobias und seinen Mitbewohner*innen – Freundschaften.

Aber jeder muss auch seinen Teil zur Gemeinschaft beitragen und Verantwortung übernehmen, zum Beispiel für den Abwasch. Alle gehen arbeiten oder studieren. Diejenigen, die Unterstützung benötigen, bekommen sie und wenn jemand seine Privatsphäre braucht, wird sie gewährt. Eigentlich ist es eine Wohnform, wie sie selbstverständlich sein sollte in einer offenen, diversen Gesellschaft wie unserer. Dass sie irgendwann zur Normalität wird, dafür kämpfen Menschen wie Tobias Polsfuß und sein Verein.

Die Mitglieder des Vereins WOHN:SINN – Bündnis für inklusives Wohnen e. V.

Mehr über inklusives Wohnen und zu WOHN:SINN auf www.wohnsinn.org.

Übrigens: Vom 18. bis 20. Oktober finden die WOHN:SINN Zukunftstage in Bremen statt. Dort treffen sich inklusive Wohnprojekte aus ganz Deutschland. Mehr Infos dazu gibt es hier: https://wohnsinn.org/news/231-zukunftstage

 

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